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Lustlosigkeit macht sich breit
Archiv - KORSO Sozial FORUM - Schwerpunkt: Jugend
Freitag, 28. April 2006
Image Immer mehr Jugendliche haben immer weniger Lust auf Sex. Ein Trend, der selbst Sexualforscher erstaunt.

Sexualität konnte durch die Verbreitung von Verhütungsmitteln von ihrer Fortpflanzungsfunktion weitgehend abgelöst werden. Viele Hoffnungen einer allgemeinen Entkrampfung infolge der „sexuellen Befreiung" trafen aber so nicht ein.

"Einerseits ist die Häufigkeit der sexuellen Störungen, die ja mit Unfreiheit und Konflikten zu tun haben, seit den 60-er Jahren relativ gleich bleibend", erläutert die Psychoanalytikerin Dr. Ulrike Körbitz vom Sozialmedizinischen Zentrum in Liebenau, „andererseits haben Sexualforscher herausgefunden, dass es bei beiden Geschlechtern, vor allem aber bei Frauen, einen deutlichen Trend zur sexuellen Lustlosigkeit gibt." Auch diese Entwicklung konnte in den 70er und 80er Jahren nicht vorhergesehen werden. Einen Grund hierfür sieht die Psychotherapeutin in der Konzentration auf die Körperoberfläche: Image„Sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Jugendlichen spielen Aussehen, Gewicht, Kleidung, herzeigbare Attribute, Körpermanipulationen eine weitaus wichtigere Rolle als vieles, was mit dem körperlich-seelischen Innenleben, mit dem Eintreten für eigene Wünsche, Ideen, Phantasien zu tun hat." Sexualität ist mittlerweile auch für junge Menschen erlaubt, sogar gefordert, deshalb jedoch nicht weniger beängstigend, mitunter aber auch enorm langweilig geworden. Die Hoffnungen auf wirkliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher sexueller Präferenzen sind auch nicht allzu rosig einzuschätzen. Vor allem Männer, erklärt die Psychoanalytikerin, müssten weiterhin einen stark ausgeprägten homophoben Habitus demonstrieren; sämtliche Wortkombinationen von „schwul" gehörten, neuerdings schon im Kindergarten, zu den wichtigsten Schimpfworten. „Die Ablehnung möglicher eigener homosexueller Anteile wird durch den Angriff des Anderen abgesichert und spielt in der Konstruktion von hegemonialer Männlichkeit nach wie vor eine ganz große Rolle. Bei Mädchen sieht die Sache etwas anders aus. Homoerotische Kontakte wie Händchen halten, Umarmungen oder Schmusen in der Öffentlichkeit sind nicht so verpönt. „Der Unterschied ist: Mädchen, und das gilt auch für manifest lesbische Frauen, werden in ihrer Sexualität nach wie vor nicht so ernst genommen. Dass die Frau ein sexuelles Wesen ist, wird zwar einerseits gefürchtet, andererseits bagatellisiert." Ein weiterer Trend, den heutige SexualforscherInnen unter Jugendlichen feststellen, ist die Verweigerung von „schneller" Sexualität, gekoppelt mit der fast altmodischen Orientierung auf Liebe, Treue und Ehe.

Sexuelle Störungen. Die häufigsten sexuellen Störungen sind laut Körbitz um den Orgasmus zentriert, bei Männern der vorzeitige Samenerguss oder Erektionsstörungen; bei Frauen die Unmöglichkeit, einen Orgasmus zu erleben, Schmerzen, Brennen usw. im Genitalbereich und eben Lustlosigkeit, die aber nichts mit genereller Anorgasmie zu tun hat. Ursachen und Hintergründe all dieser Phänomene sind unterschiedlich, sie haben in jedem Fall lange, zum Großteil unbewusst gewordene Geschichten, in denen sich die Verschränkung von Individuellem mit Gesellschaftlichem jeweils verdichtet – ausgerechnet die scheinbare Privatheit und Intimität unseres Sexuallebens ist der hauptsächliche Schauplatz solcher Verdichtungen. „Vieles, was mit dem anderen Menschen, dem anderen Geschlecht zu tun hat, ängstigt. Es herrscht große Nervosität in Bezug auf die Frage der eigenen sexuellen Attraktivität", so die Psychoanalytikerin.

Gegensteuerung? Die Mittel der Psychoanalyse sind zugleich bescheiden wie radikal. Es geht erst einmal um Verstehen, Verbinden und beständiges Übersetzen. „Das Sprechen über Phantasien, Empfindungen, Erinnerungen ermöglicht einen Zugang zu dem, was uns schlussendlich als Subjekte ausmacht, die hierbei entstehende emotionale Bewegung kann mehr oder weniger einschneidende Veränderungsprozesse in Gang setzen, die auch etwas mit der Aneignung von individueller wie sozialer Geschichte zu tun haben. Insofern kann der enormen Vereinzelung in einer Gesellschaft, deren zentrale Vehikel Konsum und Profit sind, entgegengesteuert werden", so Körbitz. Die Zugänge der Psychoanalyse seien übrigens nicht nur in der Zurückgezogenheit des Behandlungszimmers bedeutsam, sondern ebenso in anderen sozialen Zusammenhängen, wie beispielsweise in der Sexualaufklärung.

Manuela Palmar

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