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„Ohne meinen Körper wäre ich nicht mehr da“
Montag, 13. September 2010
Wenn jemand in Graz Sprechtheater beeindruckend inszenieren kann, dann ist das Ernst M. Binder. An Jelineks „Körper und Frau“ hat er das schon 2002 bewiesen; damals zeigte sein „forum stadtpark theater“ das Stück im Museum der Wahrnehmung und erntete großes Lob von Kritik und Publikum. Zeigt die heutige „dramagraz“-Inszenierung eine andere Herangehensweise? „Es gibt keine großen Unterschiede“, sagt Binder, „2002 war vielleicht ein wenig artifizieller.“ In der Tat: Auch wenn die Zynismen, die aus der Sprache der Mode- und der Frauenzeitschriften entlehnten und gegen sich selbst gekehrten Phrasen, die Jelinekschen Entlarvungssätze knüppeldicht aufeinander folgen – „künstlich“ im Sine von „bemüht“ wirkt die 50-minütige Aufführung nie.

„Über mich hinaus ist nichts.“
Das ist zweifellos auch der routinierten und dennoch nie glatten Performance von Juliane Werner geschuldet, die sich da ganz selbstverständlich parallel zu ihrem Monolog entblättert: Claudia (als C. Schiffer der Prototyp der in fremdverschuldeter Unmündigkeit gehaltenen und auf ihren Körper reduzierten Frau) thront zunächst in einem an altmeisterliche Herrscherinnenportraits erinnernden Samtkleid auf der Bühne, noch spricht sie distanziert und mit einer gewissen Noblesse über ihren Körper. Mit dem Fortgang des Stückes fallen die Hüllen, auch sprachlich, der Thron, ursprünglich gnädig verhüllt von der Schleppe des Kleides, erweist sich als porzellanene Klomuschel; und wenn Claudia, zu Beginn ebenso züchtig bedeckt von dem hochgeschlossenen Kleid, schlussendlich in Négligé und Unterwäsche vor dem Publikum steht, zeigt sich: Sie ist genau ihr Körper, nicht mehr und nicht weniger: „Was Sie von mir sehen, ist schon alles.“ Jeder Versuch, in diese Frau doch noch Eigenschaften hineinzugeheimnissen, muss scheitern: „Über mich hinaus ist nichts und passiert nichts. Leere und dass ich mich amüsiere füllen den Raum mit Nebel.“ Ganz spürbar richtet sich aber der Sarkasmus Jelineks weniger gegen Frauen wie Claudia, die ja zumindest ihre eigene Rolle zu verbalisieren imstande ist, als gegen die Männer, deren Begehren auf solche An- und Ausziehpuppen gerichtet ist …
| Christian Stenner

Nur mehr: Donnerstag, 9.9. und Freitag, 10.9., jeweils 20.30, dramagraz, Schützgasse 16,  8020 Graz. Kartenreservierungen: Tel. 0699 106 25 313
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