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Günter Wallraff: „Die bewusstseinsverändernde Wirkung meiner Arbeit hat mich selbst immer wieder ver
Mittwoch, 10. März 2010
Der deutsche Journalist Günter Wallraff, geboren 1942 in Burscheid unweit Köln, gelernter Buchhändler, machte sich bereits in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen Namen mit Sozialreportagen, die er als Arbeiter in verschiedenen Großbetrieben verfasste. Später schlüpfte er in so unterschiedliche Rollen wie die eines Insassen einer psychiatrischen Klinik, eines Studenten auf Zimmersuche oder – mitten im Vietnam-Krieg – eines Napalmlieferanten für die US-amerikanische Armee. Er schrieb für die Satirezeitschrift „pardon“ und das Salonblatt der deutschen Linken, „konkret“.
Bei einer Protestaktion gegen die griechische Militärdiktatur wurde er in Athen gefangen genommen, gefoltert und für mehrere Monate eingekerkert. 1976 verhinderte er durch seine journalistische Aufdecker-Tätigkeit einen geplanten Putsch des Ex-Staatspräsidenten Spínola, im Jahr darauf wurde er unter falscher Identität Mitglied der Redaktion des Boulevard-Blattes BILD und enthüllte in einem Aufsehen erregenden Buch dessen menschenverachtende Methoden der Berichterstattung. Als türkischer Gastarbeiter Ali Levent Sinirlioglu war er gleichermaßen mit Rassismus wie Verletzungen der Arbeitsschutzbestimmungen konfrontiert. Seit 2007 arbeitet er für das ZEIT-Magazin „Leben“ und lieferte seitdem wieder eine Reihe brisanter Reportagen, u.a. aus Call-Centern, verschiedenen Produktionsbetrieben und Obdachlosenheimen. Sein letzter Coup: Als in Deutschland lebender Somalier Kwami Ogonno entlarvt er im Film „Schwarz auf Weiß“ den Alltagsrassismus der Mehrheitsbevölkerung.
Auf Einladung der steirischen Arbeiterkammer weilte Wallraff in den letzten Wochen zweimal in Graz. Anfang März, anlässlich der Vorführung seines Filmes „Schwarz auf Weiß“ vor 4000 BerufsschülerInnen in der Grazer Stadthalle, sprach Christian Stenner mit Wallraff über dessen nahezu fünf Jahrzehnte währende Tätigkeit im Dienste eines aufklärenden Journalismus.

Ihre Karriere als Undercover-Reporter haben Sie in den sechziger Jahren bei der deutschen Gewerkschaftszeitung „Metall“ begonnen, unter deren damals weithin bekannten linken Chefredakteur Jakob Moneta, der mehrere Jahrzehnte später aus der SPD ausgeschlossen wurde …
Ja, und ich habe noch heute Kontakt zu ihm, er hat trotz seiner 95 Jahre nichts an politischer Klarsicht eingebüßt, er bleibt ein Vorbild für mich. Ohne ihn wäre bei mir einiges anders gelaufen, er hat es durchgekämpft, dass meine frühen Reportagen in der „Metall“ veröffentlicht werden konnten.

Wären solche Reportagen, wie Sie sie damals in einer Gewerkschaftszeitung unterbringen konnten, Ihrer Ansicht nach heute noch möglich? Es gab ja damals wahrscheinlich schon Schwierigkeiten und Interventionen von Arbeitgeberseite?
Man musste es durchsetzen, es war nicht selbstverständlich. Was mir sehr geholfen hat, war eine Umfrage unter den LeserInnen der „Metall“, die damals eine Auflage von zwei Millionen Exemplaren hatte, welche Rubriken am meisten geschätzt wurden: das waren die Witzseite und meine Sozialreportagen.
Meine Bücher wurden sehr früh auch schon von Gewerkschaftskollegen gelesen, noch heute begegne ich welchen, die sagen, deine Bücher haben dazu beigetragen, dass ich eine Jugendvertretung gegründet habe, dass ich einen Betriebsrat durchgesetzt habe, obwohl mich der Inhaber daran hindern wollte. Die bewusstseinsverändernde Wirkung meiner Arbeit hat mich selbst immer wieder verblüfft, ich bin ein bescheidener Mensch und habe eigentlich nie mit solchen Konsequenzen gerechnet.

Grund zur Freude sind sie aber schon?
Klar freut es mich, wenn ich Verbesserungen erreiche, wie jetzt wieder nach der Reportage über die Obdachlosenheime. Die schlimmsten Heime, wo ich Neujahr verbracht habe, wie die Containersiedlung in Frankfurt, wo man nicht einmal ein warmes Getränk bekam, werden jetzt geschlossen, stattdessen werden menschenwürdige Bauten errichtet, die von bekannten Architekten geplant werden; auch die Notschlafstelle „Bunker“ in Hannover wird stillgelegt.
Die Call-Center-Reportage hat zu Gesetzesänderungen geführt, die leider nicht ausreichend sind, auch die Geschichte über die Brotfabrik von Lidl hatte Folgen.
Das sind Ansätze, ich will mir nicht anmaßen, dass ich gesamtgesellschaftliche Veränderungen bewirke, die man ohnehin nicht messen kann. Ich versuche aber nachzusetzen und die Akzeptanz, die ich gerade jetzt wieder sehr stark spüre, zu nutzen, indem ich zum Beispiel jetzt gemeinsam mit Gewerkschaften das so genannte Wallraff-Stipendium entwickelt habe: Da werden Kollegen freigestellt und gehen in Betriebe, wo vieles im Argen liegt. DGB-Präsident Michael Sommer hat diese Idee explizit begrüßt, die eigentlich eine Fortsetzung des Modells der Arbeiterkorrespondenten der zwanziger Jahre darstellt – natürlich zeitgemäß und mit modernen Mitteln.

Dass Ihre Bücher Bewusstsein geschaffen haben, kann ich bestätigen: Sie waren auch Teil meiner eigenen politischen Sozialisation Mitte der Siebziger Jahre.
Mit welchen Mitteln Medien Bewusstsein erzeugen, haben Sie übrigens selbst in einer Ihrer zentralen Reportagen in den Siebzigern anhand der BILD-Zeitung analysiert. Haben Sie den Eindruck, dass sich an der Rezeptionshaltung der Menschen gegenüber BILD etwas durch Ihre Bücher geändert hat?
Ja, BILD war erstmals auf der Anklagebank, selbst Gerichte, die der Zeitung vorher alles durchgehen ließen, sprachen härtere Urteile aus, das Unternehmen musste Schadenersatz leisten. Ich habe selbst Hunderte Fälle über meinen Rechtshilfefonds mit ermöglicht: Gegendarstellungen, Widerrufe, aber auch Schadenersatzforderungen über 100.000 Euro. Politiker und führende Gewerkschafter gingen auf Distanz, gaben der BILD keine Interviews mehr – das ist allerdings rückläufig, es war eben eine andere Zeit.

Soweit ich mich erinnere, ist damals auch die Auflage der BILD gesunken?
Die Auflage ist vorübergehend um fast eine Million runtergegangen, jetzt sinkt sie aus anderen Gründen wieder und droht demnächst unter die Drei-Millionen-Grenze zu rutschen; in den besten Zeiten lag die Gesamtauflage bei sechs Millionen Exemplaren.
Das Image der BILD hat sich durch meine Recherchen zweifellos verändert, sie ist durchschaubarer geworden und keiner kann mehr so tun, als hätte er von alledem nichts gewusst. Es hat sich herumgesprochen, dass BILD Rufmorde verübt hat, dass Betroffene nach Rufmordberichten sogar Selbstmord verübt haben. Das hat eine Sensibilisierung herbeigeführt. Natürlich wissen viele der Jüngeren, die das Blatt heute lesen, nichts davon, bei Multiplikatoren hat es aber einen bleibenden Imageschaden. Und nach wie vor bekomme ich über meinen Rechtshilfefonds neue Fälle auf den Tisch.
Eine ähnliche Reportage über die Methoden der Kronenzeitung, die ja im Verhältnis zur Einwohnerzahl des Landes einen wesentlich größeren Einfluss hat als die BILD, steht leider noch aus. – Was würden Sie als Ihre wirkmächtigste Aktivität bezeichnen? Die Verhinderung des Spínola-Putsches im Jahr 1976? 1)
Das sagen andere, die das auch als Historiker beobachten. Spínola stand in der Tat kurz davor zu putschen, die Organisation war aufgestellt und die Waffendepots zumindest zum Teil vorhanden. Das hat er mir alles unterbreitet, auch die Terrorlisten und seine Hauptstützpunkte. Die Schweizer Regierung hat dann schnell reagiert und ihn in Auslieferungshaft genommen, dadurch konnte Spínolas Organisation in Portugal zerschlagen werden. Die Machtübernahme war also schon vorbereitet – und meine Aktion hat sie, das sagen auch portugiesische  Kollegen, in der Tat verunmöglicht.
Welche Aktivität wie wirkungsmächtig war, das kann man im Einzelnen nicht sagen; ich würde meinen, auch Verbesserungen in Betrieben und bei den Arbeitsschutzbestimmungen, die zum Beispiel nach meinen Reportagen über die Arbeitsbedingungen in Stahlwerken wie bei Thyssen eingeführt wurden, haben vielleicht Menschenleben gerettet.

Für Ihren aktuellen Dokumentarfilm „Schwarz auf Weiß“, den Sie heute vor 4000 steirischen BerufsschülerInnen vorführen werden, sind Sie in die Rolle eines in Deutschland lebenden Somaliers geschlüpft, der je nach Situation zum Objekt des Misstrauens, der Angst oder der Aggression der Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung wird. Der Film hat Ihnen auch Kritik und Rassismusvorwürfe von Seiten der afrodeutschen Community eingebracht. Ist diese Kritik flächendeckend oder gibt es auch andere Stimmen?
Es gibt eigentlich nur zwei Vertreter der Community, die sich mit verschiedenen Argumenten gegen den Film wandten. Die Kritik des einen ist gespalten: Er sagt nämlich, er sei eigentlich auch froh, dass das Thema in der Öffentlichkeit diskutiert werde. Seine Kritik kann ich allerdings nicht wirklich akzeptieren: Zum einen meint er, dass kein echter Schwarzer aussähe wie ich – aber alle anderen Afrikaner, denen ich begegnete, hielten mich für einen von ihnen. Den zweiten Vorwurf finde ich besonders abwegig: Er nimmt Anstoß am Namen, den ich für diese Rolle gewählt habe.„Kwami Ogonno“ sei kein somalischer, sondern ein ghanaischer Name. Ich habe ihm entgegengehalten, dass heute auch ein Franzose Wolfgang heißen kann; wir sollten froh darüber sein, dass sich Menschen über Stammes- und nationale Grenzen hinweg verheiraten und zusammentun. Damit können ethnische Konflikte abgemildert werden. Eigentlich bin ich ja in manchen meiner Rollen ein Mensch der Zukunft, ein klassischer Bastard, so wie schon in meiner Ali-Rolle: Da hatte ich mir eine griechische Mutter und einen kurdischen Vater erfunden, weil ich am Türkisch-Kurs gescheitert war – und wurde dennoch eine Symbolfigur, mit der sich später viele identifizierten. In der Rolle des Kwami Ogonno war ich übrigens zuerst bloß „der schwarze Deutsche“, und als ich dann Afrikaner fragte, was glaubt ihr denn, wo komme ich her, tippten die auf Somalia – so habe ich mich eben als Somalier bezeichnet. Diese Kritik kann ich also ganz gut abschütteln.
Ein wenig anders verhält es sich bei der zweiten Kritikerin, der Musikerin, Autorin und Journalistin Noah Sow, die übrigens die Kritik äußerte, als sie das Buch noch nicht gelesen und den Film noch nicht gesehen hatte. Sie hatte ein ausgezeichnetes Buch geschrieben, „Deutschland schwarz weiß; der alltägliche Rassismus“, das trotz seiner Qualität nicht die Beachtung gefunden hat, die es verdient hätte. Sie war verständlicherweise enttäuscht, dass sich da jemand des Themas durch eine bloße Hautveränderung annimmt und damit so ein Echo erzeugt.
Allerdings sieht Noah Sow das Problem inzwischen auch ein wenig anders, sie hat mir auf ihrer Internetseite ein Bild gewidmet, das ich als Hommage empfinde: Sie hat sich nämlich auf einem Foto meisterhaft in mich verwandelt. Jetzt haben sich andere Afrodeutsche an mich gewandt, eine Gruppe von Schauspielern in Berlin, die sich des Themas annehmen und es auf die Bühne bringen wollen. Denen habe ich die Rechte dafür gegeben, da seh’ ich mich auch als Türöffner – ich maße mir doch nicht an, als Sprecher der Schwarzen aufzutreten. Wenn der Film jetzt ins Fernsehen kommt, wird dazu auch ein begleitender Film über die in Deutschland lebenden Schwarzen erscheinen, die zum Teil Schlimmeres und klarerweise Authentischeres zu berichten haben als ich.

Sie haben also letztendlich genau das gemacht, was immer Ihre Rolle war: Sie haben etwas ins Rollen gebracht
Ja, genau, diese Formulierung gefällt mir.

Ich frage Sie jetzt natürlich nicht, welche Rolle Sie als nächste einnehmen wollen, das wäre widersinnig. Aber ich bin überzeugt: Kwami Ogonno war nicht die letzte Identität, die Günter Wallraff angenommen hat, um den Finger auf die Widersprüche dieser Gesellschaft zu legen.
Ich bin jetzt so viel auf Veranstaltungen im Ausland und in Deutschland unterwegs gewesen, dass ich darauf brenne, wieder unterzutauchen. Im Mai wird es hoffentlich so weit sein, da hab’ ich etwas vorbereitet, und ich hoffe, es gelingt.

 

1) António de Spínola war portugiesischer General und erster (provisorischer) Staatspräsident Portugals nach der „Nelkenrevolution“, mit der die faschistische Diktatur Marcello Caetanos 1974 gestürzt wurde. Er überwarf sich mit dem linken Flügel der „Bewegung der Streitkräfte“, einer Organisation junger Militärs, die den Umsturz organisiert hatte, und plante 1976 einen Putsch gegen die junge portugiesische Demokratie.
Wallraff traf sich im März 1976 mit Spínola, dessen Entourage er während eines Portugals-Aufenthaltes kennen gelernt hatte. Er gab sich dabei als Waffenhändler aus; Spínola enthüllt ihm gegenüber detailliert seine Putschpläne, die Wallraff wenige Tage später öffentlich machte.

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