Das nachhaltige Magazin für Graz und die Steiermark
Sport und Politik: eine asymmetrische Symbiose
Mittwoch, 8. Oktober 2008

Stuhlpfarrers Aufwärtshaken

Der vergangene Sommer war für sportbegeisterte Menschen mit Zugang zur Medienmaschinerie gleichbedeutend wie der Nationalratswahlkampf für ZeitungsmacherInnen: ein Jackpot sondergleichen. Währenddessen sich groß- wie kleinformatige Tageszeitungen und andere Printmedien unerwarteterweise an zusätzlichen Einnahmen aus Anzeigen der politischen Parteien erfreuen konnten, blieb dem/-er SportexpertIn in den letzten drei Monaten kaum Zeit zum Luftholen zwischen all den Großereignissen: Der Fußball-Europameisterschaft im eigenen Land im Juni folgte die Tour de France sowie das eigentliche Sportgroßereignis des Jahres; die Olympischen Spiele in Peking. In Erinnerung geblieben ist Ivica Vastics Kaltschnäuzigkeit beim einzigen Tor der österreichischen Equipe während der EURO, Bernhard Kohls Gesichtsausdruck auf dem Weg nach Alpe d‘Huez, Markus Rogans Nachdenklichkeit, resultierend aus seinem Scheitern bei Olympia, sowie die darauf bezogene medialen Häme und natürlich Sigi Bergmanns ORF-Kommentare während des olympischen Box-Turniers („Schauen Sie sich nur diese begnadeten Faustfechter an!“).

Der vergangene Sommer, die sportlichen Großereignisse im Allgemeinen und die Olympischen Spiele in Peking im Speziellen haben aber vor allen anderen Dingen gezeigt, dass die Verwobenheit von Sport auf der einen und Politik wie Wirtschaft auf der anderen Seite ausgeprägter erscheint denn je. Der französische Philosoph Robert Redeker, Redaktionsmitglied der von Jean-Paul Sartre begründeten literarisch-politischen Zeitschrift Les Temps Modernes, ging in Le Monde noch einen Schritt weiter: „Man muss das Klischee, wonach der Sport der Politik dient, umdrehen. In der heutigen Zeit ist es die Politik, die im Dienste des Sports steht.“ Redeker geht davon aus, dass sich der Sport „metapolitisch“ verhält: „Er ist mit allen politischen Regimes kompatibel. Er zwingt die Politik, ihm zu dienen, macht sie zu seiner Vasallin.“ Dieser Umstand wurde laut Redeker gerade an den Olympischen Spielen sichtbar, um deren Vergabe an China – das Land mit den meisten Hinrichtungen weltweit – dessen Führung  geradezu gebuhlt hatte: „Um die Olympischen Spiele zu bekommen, hat sich die Diplomatie dem Olympischen Komitee unterworfen“.

Redekers These lässt sich rasch bestätigen. Nicht nur auf der internationalen Bühne zeigt sich, dass PolitikerInnen ohne die öffentlich geäußerte, in den seltensten Fällen reflektierte Annäherung an den Breitenport über die Runden kommen; sei es durch ihre Anwesenheit auf diversen VIP-Tribünen oder die öffentliche Lobpreisung einzelner SportlerInnen. Kaum ein/-e PoliterIn kann es sich heutzutage leisten, die Sport-Maschinerie links liegen zu lassen; vielmehr gilt es zu loben, zu fördern und die eigene Person mit den Erfolgen sportlicher LeistungsträgerInnen zu dekorieren.  Diese Tradition hat auch hierzulande Gültigkeit. Bekanntermaßen lud Bruno Kreisky Karl Schranz nach dessen Waterloo bei den Olympischen Spielen in Sapporo 1972 auf den Balkon des Kanzleramts und gab ihm somit die Möglichkeit, sein Leid zu teilen.
In den vergangenen beiden Jahrzehnten war es dann vor allem die FPÖ, die erfolgreiche SportlerInnen bis in den Nationalrat hievte. Zu erfolgreichen PolitikerInnen wurden die gefeierten SportlerInnen freilich nie.
Der nunmehrige Tormanntrainer des österreichischen Nationalteams, Klaus Lindenberger, schaffte es lediglich zum Kandidaten für die Nationalratswahlen 1994 – nach Vorwürfen, er hätte zu Unrecht Arbeitslosengeld bezogen, warf der gebürtige Linzer das Handtuch. Der Hürden-Läufer Elmar Lichtenegger bekleckerte sich als Sportsprecher von FPÖ und später BZÖ ebenfalls nicht mit Ruhm: Nachdem er bereits in den Jahren 2003 und 2004 eine fünfzehnmonatige Sperre wegen einer positiven Dopingprobe absaß, wurde er im vergangenen August vom österreichischen Leichtathletik-Verband (ÖLV) lebenslang für alle nationalen und internationalen Wettkämpfe gesperrt; der Kärntner hatte abermals gedopt. Für den skurrilsten Auftritt sorgte allerdings Patrick Ortlieb: Der vormalige Olympiasieger in der Abfahrt saß für die FPÖ von 1999 bis 2002 im Nationalrat, bestach ebendort keineswegs durch Redseligkeit, sondern machte vielmehr durch dubiose Bekanntschaften von sich reden – im Frühjahr 2001 wurde in einer Tiefgarage des Innsbrucker Flughafens eine junge „verwirrt wirkende“ Frau aufgegriffen, neben ihr konnten ihr eigener Slip, ihr Büstenhalter sowie ein Tausend-Schilling-Schein sichergestellt werden. Die Bilder der Überwachungskameras – ironischerweise ist es gerade die FPÖ, die seit Jahren und bei jeder Gelegenheit einen Ausbau der Videoüberwachungen fordert – lieferten den Ermittlern die Bilder zur Geschichte: Die junge Frau, die keine genauen Angaben darüber machen konnte, wie sie in die Tiefgarage gelangt war, stieg nämlich aus einem Wagen, dessen Nummernschild just Patrick Ortlieb als Halter identifizierte. Der Boulevard verstrickte Ortlieb daraufhin in eine „Sex-Affäre“, dieser schwor eben diesem, die junge Frau „nicht angerührt“ zu haben. Wenngleich es Ortlieb damit in sämtlichen Klatschspalten des Landes schaffte – mit Politik hatte diese Begebenheit nichts zu tun.

Dass mitunter auch die steirische Landespolitik sowie die Grazer Stadtpolitik von der Einflussnahme des Sports oder vielmehr der Unmöglichkeit, den Sport zu vernachlässigen, betroffen ist, wurde vergangenen Sommer ebenfalls evident.
Wie der KORSO in seiner letzten Ausgabe berichtete, gelang dem Fußballklub GAK das Kunststück, nahezu alle im Rathaus vertretenen Parteien über Monate vor sich herzutreiben, um im Endeffekt reich beschenkt zu werden; abgesehen von den gängigen und zur Verbundenheit verpflichtenden „Amigo-Seilschaften“, welche die vorhandene Schnittmenge zwischen Sport, Wirtschaft und Politik mit sich bringt, hätte es sich die Bürgermeister-Partei keineswegs leisten können, den ältesten Fußballklub der Steiermark „sterben“ zu lassen. Daher stimmte man einem strukturierten Zwangsausgleich zu, verzichtete auf eine beträchtliche Stange Geld und trat dem Verein – quasi zum Drüberstreuen – das im Stadtbesitz befindliche Trainingszentrum zur langfristigen Übernahme ab.
Ähnlich sonderbar gestaltete sich die Vorgehensweise des Landes Steiermark bei der Realisierung eines Investments von Red Bull am Gelände des Österreichrings in Spielberg. Entlang der langjährigen Formel-1-Strecke liegen  Millionen alter wie neuer Währung an Steuergeld vergraben – mehr als 70 Millionen der neuen seit Ende der 1990er-Jahre, wie Der Standard im Mai dieses Jahres zu berichten wusste. Die alte Strecke, der Österreichring, wurde bekanntlich 1996 um 400 Mio. Schilling zum A1-Ring umgebaut, um lediglich sieben Jahre später in völlig intaktem Zustand abgerissen zu werden; schließlich galt es, für das neue Investment von Red Bull (Größenordnung: 700 Mio. Euro) Platz zu machen. Nachdem der Umweltsenat – vor allem aufgrund einer geplanten Endurostrecke – die Pläne des Investors aber durchkreuzte, zog sich Red Bull Eigentümer Dietrich Mateschitz zurück, um sich von Seiten der Landespolitik bitten zu lassen, doch wieder ins Boot zu kommen und eine Realisierung des Projekts – in welcher Dimension auch immer – voranzutreiben. Mateschitz sagt schlussendlich doch „Ja“, die Landesregierung griff abermals in die Steuerkasse und sagte zu, die Investitionssumme Mateschitz’ (30 bis 50 Mio. Euro) mit 15% zu fördern. Immerhin galt es in beiden Fällen Verantwortung zu übernehmen, dem Sport zu dienen ...

 

Gregor Immanuel Stuhlpfarrer, Mag. phil., studierte Geschichte, Theologie und So-
ziologie in Graz und Zagreb. Für den Balkan hat er ein Faible, für Manner-Schnitten eine Schwäche und dem Tatort im ORF schenkt er Sonntag für Sonntag seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Veröffentlichungen (Auswahl): Der Standard, Wiener Zeitung, Die Furche.

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