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Emigration als Revue: „Go West – eine Familie wandert aus“ |
Dienstag, 8. April 2008 | |
Nicht, dass ein Remake der Trapp-Familie – kinderreiche, stockkonservative Adelsfamilie goes to America und macht dort per VW-Bus mit Volksliedern Karriere – keinen Sinn machte. In der musikalischen Revue „Go West“, geschrieben vom Bachmann-Preisträger und Grazer Stadtschreiber Saša Stanišić, inszeniert von Tom Kühnel, stecken der Clash of Cultures, Migration, nationale Identität, der amerikanische Traum, die Entwicklung der Massenmedien und mehr drinnen. Dem engagierten Theatermacher muss da das Wasser im Mund zusammenlaufen. Auch die doppelt gebrochene Perspektive eines aus Bosnien-Herzegowina stammenden Autors, der einen staunenden Blick von außen sowohl auf die Österreicher wie auf die Amerikaner richtet, oder die literarische Eroberung der USA, wie sie klassisch für die neuere deutschsprachige Literatur ist, können faszinieren. Aber schon im Programmheft findet sich die geläufige Halbherzigkeit des Abends. Einige der Empfehlungen des Autors für das Verhalten von Reisenden in Amerika sind schön, manche sind bloß banal oder wiederholen sich. Aber damit sind ihre lapidare Coolness und pathetische Beiläufigkeit auch schon dahin. Augenblicke reinen Vergnügens. Allerdings gibt es Augenblicke des reinen Vergnügens, wenn Suse Wächter mit ihren Minipuppen in einem Sperrholzfernseher US-Mythen der Fünfzigerjahre – vom Bikiniatoll im Atom – bis zu Marylin Monroe im Hormonsturm – nachstellt. Und damit den agierenden Schauspielern die Show stiehlt. Auch deren Höhepunkte sind im Imaginären angesiedelt. Wenn etwa ein gefiederter Engel die frömmelnde Mutter (Juliette Eröd) im Traum heimsucht, um es ihr, zu einem wilden Indianer im Federschmuck mutierend, zu besorgen. Oder Freud himself als Puppe im Traum des wollüstig stöhnenden Familienvaters (elegant doof Dominik Warta), den er ermahnen muss: „Das ist keine Massage, das ist eine Hypnose!“ Schräge Bilder. Die Bilder, die Saša Stanišić einfallen, sind gelegentlich ziemlich schräg – etwa ein Streifenpolizist am Highway, der partout jodeln lernen will. Nur stammen die besten Momente, wenig überraschend bei dem gerühmten Autor des Romans „Wie der Soldat das Grammofon repariert“, eher aus dem Universum eines Prosaschreibers denn eines Dramatikers. Sobald die Protagonisten außerhalb der Träume und des Bizarren agieren, werden sie zu Schablonen, die miteinander über Klischees kommunizieren. Die auch sprachlich virtuose Suse Wächter und ihre Puppen spielen die wirklichen Schauspieler deshalb auch glatt an die Wand. Die sympathische Schauspielerfamilie (Martina Stilp als aufmüpfige Tochter Rosemarie, Julian Greis und Franz Josef Strohmeier als leicht gestörte Söhne und Susanne Weber als Nesthäkchen) entledigt sich ihrer Aufgabe zwar mit freundlicher Routine. Aber den Witz, wenn es ihn gibt, bringen sie nicht immer zum Zünden. Tom Kühnel hat „Go West“ auf allem Stand der Technik inszeniert: Lampenfieber oder McCarthy vor dem Vorhang, amerikanische Weite auf der Bühne. Besonders gelungen ist die Verwendung des VW-Busses als Projektionsfläche für die Videoeinspielungen. Die Musik ist gediegen, aber, wie das bei musikalischen Projekten üblich ist, ohne störende Leidenschaft. Die Kostüme von Ulrike Gutbrod zwischen Trachtendirndl und Jeans, Steireranzug und Batman illustrierten nationale Identitäten mit den schon erwähnten glanzvollen Engels-Leistungen. Drei Stunden wohltemperierte Heiterkeit mit großartigen Ausreißern: noch am 15., 18., 23. und 26. April. Willi Hengstler
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