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Steirisches Volksliedwerk – das Ende der Unabhängigkeit?
Dienstag, 8. April 2008
Man mag über Volksmusik, Volkslieder, Volkskultur denken was man will – und es gibt ja tatsächlich vieles, was einem in diesem Zusammenhang an Positivem und Negativem durch den Kopf gehen kann. Das fängt schon damit an, wovon eigentlich die Rede ist, wenn vom „Volk“ gesprochen wird. Und es endet nicht damit, wo etwa die Grenze zu jenem „Völkischen“ zu ziehen wäre, das nicht nur die Volkskultur hierzulande, sondern die Kultur überhaupt im vergangenen Jahrhundert ruiniert hat. Aber es gibt eine Art der Gleichgültigkeit gegenüber der Pflege und Ausübung insbesondere der Volksmusik, eine Geringschätzung, ja Verurteilung, die verhängnisvoll sind. Handelt es sich doch um jene künstlerischen und kulturellen Lebensäußerungen vor allem aus der Vergangenheit der bäuerlichen und ländlichen Welt, die sich bis heute erhalten haben.

Und die uns auf die eine oder andere Weise bis heute prägen, auch wenn wir uns mit dieser oft schon untergegangenen Welt kaum oder nur mehr am Rande verbunden wähnen können. Die aber zumindest durch die familiäre Herkunft jedes einzelnen von uns immer noch ihre Rolle spielen. Davon sprach kürzlich beispielsweise auch der Schriftsteller und Schauspieler Miguel Herz-Kestranek, als er für seine Haltung den Konrad-Mautner-Preis verliehen erhielt, benannt nach dem aus dem assimilierten jüdischen Wiener Großbürgertum stammenden Volkskundler und Volksliedsammler.

Gegen die Orientierung an der Verwertbarkeit. Das Steirische Volksliedwerk, dessen historische Wurzeln und Geschichte hier ausdrücklich übergangen werden, hat sich in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten dadurch verdient gemacht, dass es durch die Betonung zweier entscheidender Blinkwinkel die Volkslied- und Volksmusiktradition  gepflegt und entwickelt hat. Da wurde zunächst der unverkrampfte Blick auf die Texte und Melodien gefördert, das „Heilige“ des Alten und Vergangenen entmystifiziert, die Propaganda der „Idylle“ in Frage gestellt. Für manche vielleicht zu vorsichtig, jedenfalls aber mit unstrittigen Erfolgen. Und zweitens, mit Sicherheit keine geringere Leistung, versuchte das Steirische Volksliedwerk gegen alle Versuche und Verlockungen anzugehen, die Volkslied- und Volksmusiktradition zur Quelle der touristischen und ökonomischen Verwertbarkeit herabzuwürdigen und zu verkaufen. Dass dieser Weg gegangen wurde ist nicht nur, aber vor allem auch ein Verdienst seines langjährigen Leiters. Der Deutschfeistritzer Hermann Härtel verstand es seit 1981 nicht nur, das verwaiste Volkslied-
archiv wieder zum Leben zu erwecken, sondern durch Initiativen wie den „Geigentag“, das „Büro für Weihnachtslieder“, die Auszeichnung von „Musikantenfreundlichen Gaststätten“, die Hebung des Niveaus der Vereinszeitschrift „Der Vierzeiler“ und vieles andere mehr „keine Scheuklappen zuzulassen, neue Worte und neue Bilder in Umlauf zu bringen und die Lust an der Sache zu entfachen“ (Hermann Härtel). Er konnte dies umso besser vertreten, als er als Musiker diese Haltung heiter und unverkrampft praktiziert. Die „Citoller Tanzgeiger“, deren Kopf Hermann Härtel ist, sind das Paradebeispiel einer musikalischen Formation, die Volksmusik gegen Verblödung, Originalität gegen touristischen Opportunismus und kulturelle Tradition gegen Geldgier und Profitmaximierung überzeugend lebt.

Das Ende der Unabhängigkeit. Seit Jahren hatten die politisch Verantwortlichen der Steiermark mit einer solchen Haltung ihre Probleme, die sich in letzter Zeit zuspitzten. Und die Hermann Härtel in seinen Kommentaren im „Vierzeiler“, aber auch in seinen Auseinandersetzungen mit den politisch Verantwortlichen immer wieder mehr oder weniger direkt ansprach. Seit Jahren war versucht worden, die besondere Konstruktion – Land Steiermark, Verein Volksliedwerk, Volksliedwerk-Verlags-GmbH –, die die Unabhängigkeit des Volksliedwerks einigermaßen garantierte, auszuhebeln. Nun soll offenbar damit Ernst gemacht werden. Das insbesondere von Härtel brauchbar gemachte Volksliedarchiv soll unter dem Vorwand der Wissenschaftlichkeit abgesondert werden. Ziel ist, das Volksliedwerk selbst der Verfügbarkeit der offiziellen Politik zu unterwerfen. Die in der Landesregierung zuständige Volkspartei diktiert offensichtlich die Gangart. Die anderen Parteien aber scheint das wenig zu stören. Die Sozialdemokraten betrachten das Ganze offenbar als Geplänkel innerhalb eines konservativen Claims, und von den Grünen und Kommunisten hat man dazu noch nichts Brauchbares vernommen. – Abwegiges Thema? Kleinigkeit? – Anfang Februar trat Hermann Härtel als Geschäftsführer des Vereins Steirisches Volksliedwerk zurück, bald darauf folgte der ehrenamtliche Vorsitzende des Vereins, Hans Martschin. In der gerade neu erschienenen Vereinszeitschrift „Der Vierzeiler“ bekamen die beiden keinen Platz mehr für ihre Überlegungen, sie mussten sich in einem Beiblatt von den LeserInnen verabschieden. Nicht ohne Sarkasmus schreibt Härtel: „Ich möchte meiner Nachfolgerin die Chance geben, die bislang erfolgreiche Arbeit fortzusetzen, von meinen Idealen möchte ich jedoch nicht abrücken.“ – Aus welcher Richtung der Wind weht, lässt der Leitartikel der neuen Geschäftsführerin erahnen: „Vom selbst geschneiderten Wohlbefinden zur individuellen Passform“. Hollero!
Karl Wimmler

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