Das nachhaltige Magazin für Graz und die Steiermark
Die soziale Veränderung ist ein Ladenhüter
Sonntag, 10. Februar 2008
WoWagners Gartenlaube fortschrittlichen Schrifttums

Ein Teil der Bücher, die mir unterkommen, rutscht fast unverzüglich in meine „Bibliothek des Überlebens“. Das heißt nicht unbedingt, dass sie mich tief berührt oder unterhalten haben. Es heißt auch nicht, dass sie einem erlauchten Kanon „wertvoller Literatur“ zuzurechnen sind.

Sie erscheinen mir wichtig, um soziale Veränderungsprozesse voranzutreiben, zu verstehen und konkrete Veränderungen zum Besseren vorzubereiten. Das Buch von Chico Whitaker „Das Weltsozialforum. Offener Raum für eine andere Welt“ ist so ein Fall. Im Modell Sozialforum begegnen wir immerhin einem zukunftsweisenden Versuch, einen Raum zu schaffen, der  Veränderungen zum Positiven in einem größeren Rahmen möglich macht. Natürlich haben wir es mit einem alles andere als einfachen Prozess zu tun, der ständig in Gefahr ist. „Der Optimismus, den dieses Buch ausstrahlt, könnte dazu verleiten, zu glauben, dass das Weltsozialforum seinen Weg ruhig und geradlinig geht ...Tatsächlich ist es aber so, als ob unter dem Tisch, auf dem die Ideen für die Organisation des Weltsozialforums skizziert oder die Ellbogen aufgestützt werden, um aufmerksam anderen Vorschlägen zuzuhören, sich ein riesiger Krake versteckt ... Er scheint damit beschäftigt zu sein, alles zu tun, um das Neue am Wachsen und Gedeihen zu hindern.“ (Vgl. S.29 f.)
Dies lässt sich am Österreichischen Sozialforum leider nur zu deutlich beobachten, das sich nach seinem von der Euphorie erster großer Sozialforen gespeisten kräftigen Start seit Jahren im Niedergang befindet. Dies hat zum Teil damit zu tun, dass „das neue Format“ Sozialforum mit altbekannten Strukturen wie Kongressen, „Gipfeln“ oder Messen verwechselt wird. Wen interessiert schon „ein weiterer Kongress“? Zum Teil hat es auch damit zu tun, dass mancher dazu neigt, das Sozialforum als „eine Bewegung“ aufzufassen, bei der man sich in Stellung bringen muss, um politisch davon zu profitieren. Whitakers Buch begleitet den geduldigen, aufmerksamen und kritischen Leser durch den Sozialforenprozess und erleichtert ihm den Einstieg in das schwierige Feld der konkreten gesellschaftlichen Veränderung. Sehen wir uns als Beispiel Punkt eins (von vierzehn Punkten) der zentralen – (und genialen) – „Charta der Prinzipien“ an: „Das WSF ist ein offener Raum für die Begegnung von Gruppen, Organisationen und Bewegungen der Zivilgesellschaft, die sich dem Neoliberalismus und der Weltherrschaft durch das Kapital sowie jeglicher Form von Imperialismus widersetzen und sich für den Aufbau einer globalen Gemeinschaft einsetzen, die für lebensbejahende Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, und Mensch und Erde eintritt....“(Vgl. S.21 f.) Klingt nicht ganz einfach – hmm? Trotzdem sollte man annehmen, dass alle Menschen in sozialen Entwicklungsfeldern und engagierte Einzelpersonen scharf auf dieses Buch sind. Meine Erfahrungen lassen vermuten, dass dem nicht so ist. Ich habe das Buch seit seinem Erscheinen im Laden. Die Verkaufszahl ist null.

Chico Whitaker: Das Weltsozialforum. Offener Raum für eine andere Welt (VSA-Verlag 2007), 23,50 Euro.
Chico Whitaker Ferreira, 1931 in Brasilien geboren, ist Mitglied des Organisationskomitees des Weltsozialforums, 2006 wurde er für sein Engagement mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Mag. Wolfgang Wagner, Jg. 1963, Germanist, Autor, Aktivist und Sozialpädagoge führt seit Juli 2006 den Buchladen „Wendepunkt“ in der Josefigasse 1, 8010 Graz, Tel/Fax 0316/ 76 52 44, WoWagner@gmx.at

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