Das nachhaltige Magazin für Graz und die Steiermark
Auto-Mobil bis in den Klima-Tod (II) – Biosprit
Dienstag, 11. September 2007
Biosprit – Autofahren oder hungern?

Als vor rund zwanzig Jahren die ersten Pioniere mit Rapsöl als Treibstoff zu experimentieren begannen, ernteten sie mit ihren Traktoren zunächst nur spöttische Blicke und ironische Kommentare ihrer Nachbarn: Zu umständlich die Gewinnung, zu teuer die Umrüstung und zu riskant die Gefahr von Motorschäden, lauteten die wichtigsten Argumente der Gegner, die sich auch aus den Reihen der Ölkonzerne, die um ihre Umsätze bangten, rekrutierten.

In den letzten fünf Jahren hat sich die Welt grundlegend geändert: Wenn auch davor schon hin und wieder alternative Treibstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen diskutiert wurden, so haben doch erst der unerwartet steile Anstieg des Rohölpreises seit 2002, schwindende fossile Reserven und die Klimadiskussion um die dringend notwendige Reduktion des CO2-Ausstoßes zu einem fühlbaren Umschwung in der öffentlichen Meinung geführt.

EU-Treibstoffrichtlinie – Wirksame Maßnahme oder Aktionismus? Der hohe Ölpreis in Kombination mit den Agrarüberschüssen bzw. den stillgelegten landwirtschaftlichen Flächen hat die Produktion von Biotreibstoffen erst konkurrenzfähig mit den fossilen Rivalen gemacht. Das hat auch die politischen Instanzen der Europäischen Union auf den Plan gerufen, die als Beitrag zu den Kioto-Zielen und zur Verringerung der Abhängigkeit von Erdölimporten im Jahr 2005 eine Biokraftstoff-Richtlinie beschlossen haben: Diese sieht eine Beimischung von 5,75% Biokraftstoffen zu Diesel und Benzin bis 2010 vor, in einem weiteren Schritt soll der Anteil bis 2020 auf 10% angehoben werden. In Österreich will man diese Pläne noch ambitionierter umzusetzen als von der EU vorgeschrieben: Noch im heurigen Jahr soll der Anteil auf 4,3% steigen, um bereits 2008 das Ziel von 5,75% zu erreichen.  Im allgemeinen Übereifer könnte der Bogen aber auch leicht überspannt werden: In einem im Juli 2007 veröffentlichten umfassenden Sondergutachten rät der deutsche Umweltrat, das 10%-Beimengungs-Ziel bis 2020 nach unten zu korrigieren, denn das Ziel könne nur durch „boomende Importe“ erreicht werden.

Biodiesel made in Austria – der Raps fährt um die halbe Welt. Die Eigenversorgung mit Biokraftstoffen geschieht im Inland, wie auch insgesamt in der EU, noch immer auf relativ bescheidenem Niveau. Die Gefahr, dass ein Großteil der für die ehrgeizigen Pläne benötigten Rohstoffe nicht nachhaltig im Inland wachsen wird, steht dabei durchaus real im Raum.
Während allerorts Biodiesel- und Ethanolanlagen – dahinter stehen meist Firmen wie der Zuckerkonzern AGRANA, OMV oder Genol – aus dem Boden schießen, ist die Nachschubbasis für Ölsaaten aus europäischem, geschweige denn österreichischem Anbau auf bescheidenem Niveau. In der Biodieselanlage von Enns wurde mangels Alternativen zeitweise sogar Rapsöl aus Dubai (!) verarbeitet, das dort aus kanadischem Raps gepresst worden war. Während in Deutschland mittlerweile auf 1,3 Mio Hektar Raps angebaut wird, hat der Anbau in Österreich jahrelang stagniert und soll erst im laufenden Jahr wieder knapp 40.000 Hektar erreichen. Innerhalb weniger Jahre müsste diese Fläche verzehnfacht werden, um allein den zusätzlichen Bedarf aus der Biotreibstoffrichtlinie abzudecken.

Globalisierte Agro-Industrie kennt keine Grenzen. Ölkonzerne wie BP haben längst die Zeichen der Zeit erkannt und sind ins große Geschäft eingestiegen. Zusammen mit dem Nahrungsmittelkonzern Associated British Foods (ABF) will der Energiekonzern in Nordengland im großen Stil Weizen anbauen, um ihn anschließend zu Ethanol zu verarbeiten. Mit dem neuen Produkt Superethanol E85, das nur mehr einen Anteil von 15% Benzin enthält, will man herkömmliches Normalbenzin sukzessive an den Zapfsäulen ersetzen. Der Anteil der Fahrzeuge, der über die notwendige Flexi Fuel-Technologie verfügt, ist allerdings auf europäischen Straßen noch minimal.
In Brasilien setzt man dagegen bereits seit mehreren Jahrzehnten auf Bioethanol aus Zuckerrohr, das den Kraftstoffbedarf des Wirtschaftsriesen decken soll. Zehn Prozent des landwirtschaftlich genutzten Gebiets, etwa 5,3 Millionen Hektar, sind mit Zuckerrohr bebaut. Im Südosten des Landes ist Sao Paulo mit über 300 Fabriken, jährlicher Ausstoß: 8,8 Millionen Kubikmeter Alkohol, heute die Ethanol-Hauptstadt der Welt. Viele Pkw werden mit reinem Ethanol angetrieben, der Rest fährt mit Benzin, dem ein Viertel Alkohol zugesetzt ist. Auch die Energiebilanz weist Zuckerrohr als den deutlich effizienteren Rohstoff als Mais aus, der in den USA überwiegend zur Ethanolproduktion verwendet wird. Durch den weltweiten Boom sind die Zuckerpreise aber mittlerweile angestiegen, was bei anhaltender Tendenz dafür sorgen könnte, dass der Alternativtreibstoff wieder stark an Interesse einbüßen würde.

Treibstoff statt Nahrungsmittel? In Übersee werden gegenwärtig gewaltige Produktionskapazitäten für Biotreibstoffe errichtet. Mittlerweile haben die USA aufgeholt und sind im großen Maßstab in die Treibstoffproduktion eingestiegen. Innerhalb kürzester Zeit – im Unterschied zu Brasilien hat Bioethanol dort vor fünf Jahren so gut wie keine Rolle gespielt – wurden über 150 Anlagen aus dem Boden gestampft, weitere 200 sind in Bau oder in Planung. In den USA gehen bereits 50 Mio Tonnen Mais in die Ethanolproduktion, bis 2011 sollen es über 90 Mio Tonnen sein.
Was in der ökonomischen Argumentation der davon profitierenden Konzerne noch einigermaßen schlüssig klingt, hat für die Umwelt und die Bewohner von Ländern der Dritten Welt schon jetzt verheerende Folgen. Landwirtschaftliche Monokulturen belasten in vielen Teilen der Erde das ökologische System und gefährden außerdem die Versorgung der lokalen Bevölkerung. Bekanntestes Beispiel dafür: Aufgrund der starken Nachfrage der US-Ethanolfabriken hat der Preis für Mais, in Form der Tortillas das Grundnahrungsmittel der ärmeren Schichten, zu Anfang dieses Jahres in Mexiko schwindelerregende Höhen erklommen. Als sich die Preise von 40 auf 75 Cent pro Kilo beinahe verdoppelten, kam es daher in Mexiko-City zu wütenden Protesten der Bevölkerung.

Flüssiges Gold aus dem Regenwald. Ähnliches gilt für die durch den Biotreibstoff angeregte Nachfrage nach Palmöl, dessen Anbau in Südostasien im großen Maßstab von Konzernen betrieben wird, ohne auf die Einwohner Rücksicht zu nehmen. Um den neuen Ölhunger des Westens zu stillen, werden, etwa in Indonesien, immer mehr Plantagen gebraucht: 6,5 Millionen Hektar sind zurzeit mit Ölpalmen bepflanzt, weitere 20 Millionen Hektar werden angepeilt. An dieser massiven Ausweitung der Plantagen üben nicht nur NGOs Kritik, auch die Weltbank ist besorgt: In wenigen Jahren könnte der Tiefenregenwald, und mit ihm die Lebensgrundlage für Millionen von Menschen, vernichtet sein. Durch die damit verbundenen Brandrodungen werden zudem riesige Mengen an Kohlendioxid ausgestoßen. Rund 25 bis 30 Prozent der weltweiten Treibhausgase sind Resultat von Abholzungen und Waldbrand. Besonders schlimm ist laut Christian Salmhofer vom Klimabündnis Kärnten die Lage in Kolumbien, wo paramilitärische Gruppen zehntausende UreinwohnerInnen von ihrem Land vertrieben haben: „Mittlerweile sind dort 285.000 Hektar Fläche mit Plantagen der afrikanischen Ölpalme bepflanzt, die eine legale (!) Einkommensquelle für diese Gruppen bilden.“

Potenzielles Einfallstor für die Gentechnik. Die besseren Verdienstaussichten durch den Anbau von für die Bioethanolproduktion geeigneten Kulturen sorgen auch in der heimischen Landwirtschaft für Aufbruchsstimmung. Der VP-Vizekanzler und Ex-Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer hält sogar den Einsatz von Gentechnik bei Pflanzen, die in die Biospriterzeugung gehen, grundsätzlich für denkbar, womit nicht er nur bei den Gegnern der Genmanipulation harsche Kritik erntete, sondern auch in den eigenen Reihen wenig Freude auslöste. Die offizielle Linie der österreichischen Landwirtschaftspolitik lehnt die Genehmigung von GVOs weiterhin strikt ab, weil diese sich auf konventionelle wie auch Bio-Anbauflächen ausbreiten können. Der Schritt der Gentechnik in die Nahrungsmittelproduktion wäre dann nur mehr ein kleiner. In anderen, auch benachbarten Staaten wird diese Entwicklung offenbar weniger dramatisch gesehen, sodass ausgerechnet der „Biosprit“ seinem Namen wenig Ehre macht und zu einem Einfallstor der Gentechnologien in Europa werden könnte.

Fragwürdige Energiebilanz. Welche Treibstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen sich langfristig durchsetzen können, ob Biodiesel, Bioethanol, Biomass-to-Liquid (BtL) aus Holz oder Biogas, ist beim Stand der Dinge noch nicht absehbar und von vielfältigen wirtschaftlichen Interessen abhängig.
„Mit Biotreibstoffen kann man grundsätzlich CO2-Emissionen und fossile Energie einsparen. Außerdem fallen bei der Erzeugung Nebenprodukte wie Tierfuttermittel an“, hebt DI Dr. Gerfried Jungmeier vom Institut für Energieforschung der JOANNEUM RESEARCH die Vorzüge hervor.
Trotzdem ist die Effizienz bei der Erzeugung von Biotreibstoffen im Produktionsprozess offensichtlich noch nicht so ausgereift wie bei der von fossilen Brennstoffen. Daher darf bezweifelt werden, ob die positiven Auswirkungen ihren Einsatz im kommerziellen Maßstab wirklich in jedem Falle rechtfertigen. „Grundsätzlich ist es nicht nur effizienter, sondern auch klimaverträglicher Biomasse stationär und dezentral zu nutzen – vor allem in Kombination mit Wärmenutzung ist die Erzeugung von Biosprit, etwa aus Holz, sinnvoller“, bestätigt Jungmeier.
Die Einfuhr von Rohstoffen für Biosprit aus anderen Erdteilen und die negativen Effekte von Monokulturen heben damit nicht selten einen Gutteil des angestrebten Klimaschutzpotenzials wieder auf. Die Tatsache, dass man mit dem Getreide, das für eine Tankfüllung Ethanol benötigt wird, einen Menschen ein Jahr lang ernähren könnte, kann nur Zyniker die Freiheit der Straße mit sanftem Klimagewissen genießen lassen.

Josef Schiffer

Lesen Sie in der nächsten Ausgabe über alternative Treibstoffkonzepte, die mit Biogas, Ethanol aus Holz und elektrischen Antrieben funktionieren – baldige Serienreife oder Zukunftsmusik?


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