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Forum Organtransplantation: Tagung über das Leben
Archiv - Soziales
Sonntag, 11. Juni 2006
Krankheit ist ein schlechtes Thema für mediale Aufmerksamkeit. Die Medien sind voll von Ereignissen. Diese sind ihr Terrain und Geschäft. Ideal ist, was heute Aufsehen erregt und morgen vergessen ist. Der Unfall, das Erdbeben, der Skandal. Und so weiter. Unbeliebt bei Medienmachern, aber auch vielen Medienkonsumenten sind Zustände. Zustände dauern. Und lassen sich schwer in Schlagzeilen fassen. Und krank will niemand sein.

Deshalb kommen Krankheiten medial in der Regel nur unter dem Titel „Gesundheit" vor. Von Wellness bis zum Schutz vor Krankheiten. Dazu passen gerade noch die kurzfristig heilbaren Krankheiten, insbesondere wenn sie größere Menschenmassen betreffen. Schwere Krankheiten hingegen gibt es in unseren Medien in der Regel nur als Abstraktum. Ohne die Menschen, die von ihnen betroffen sind. Ausnahme: Die alle heiligen Zeiten wiederkehrenden peinlichen Zur-Schau-Stellungen beispielsweise glatzköpfiger Kinder für skandalöserweise immer wieder notwendige Spendenaktionen im Bereich der Krebsbehandlung. Der Alltag der chronisch Kranken hingegen interessiert nicht. Ist Alltag und daher nicht medientauglich.

Die Mühen des Alltags. Von Jänner bis Anfang Mai dieses Jahres wurden in Graz 37 Patienten nierentransplantiert, berichtete am zweiten Symposium für Organtransplantierte am 6. Mai in Graz Prof. Dr. Herwig Holzer, Leiter der Abteilung für Nierenerkrankungen der Uni-Klinik Graz (LKH). In ganz Österreich sind es jährlich mehrere hundert Menschen, die von der Transplantation eines Organs (Niere, Herz, Leber, Lunge, Bauchspeicheldrüse) profitieren. Die ethische Problematik ist für jeden der Betroffenen ein Thema, würde aber die Möglichkeiten dieser Zeilen sprengen und war auch nur am Rande Thema der Veranstaltung.
Bei der Tagung am 6. Mai ging es vor allem um das Leben vor und insbesondere nach der Transplantation. Organisiert wurde sie von mehreren Selbsthilfevereinen. Hier war vom Alltag die Rede. Nicht nur vom grauen. Auch vom rosigen. Ärztliche Fachleute referierten über die Erfordernisse, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der medizinischen und psychologischen Nachbetreuung, die Probleme und Verbesserungen bei der dauerhaft notwendigen Immunsuppression und die vielfältigen Nebenschauplätze des Transplantiertenalltags: die Schwierigkeiten dieser Umstände für Partnerschaften beispielsweise, und die Störungen und Behandlungsmöglichkeiten des Sexuallebens.

Die sozialen Rahmenbedingungen verschlechtern sich. Und schließlich, worauf sich am Ende auch viele Publikumsbeiträge konzentrierten, war auch die Rede von der immer problematischer werdenden Lage vieler Betroffener. Die Medikamentenselbstbehalte beispielsweise („Rezeptgebühren") in der Verbindung mit der Verkleinerung von Medikamentenpackungen werden für immer mehr vor allem Ältere zur Armutsfalle. Da kann es dann vorkommen, dass Transplantierte die Frage stellen, ob sie sich scheiden lassen sollen, um unter die für einen Einzelnen „höhere" (schändlich niedrige) Grenze für die Selbstbehaltsbefreiung zu fallen. 
Die eingeladenen engagierten und sachkundigen Vertreterinnen von AMS, GKK und Bundessozialamt hatten es nicht leicht. Die Klagen und Anklagen richteten sich gegen die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, für die sie mit einigem Recht ihren Kopf nicht hinhalten wollten.
Nein, wenig Selbstmitleid der Transplantierten war zu spüren. Eher Verbitterung. Menschen mit langwierigen Krankheiten sind es gewohnt, häufig als lästige Bittsteller auftreten zu müssen, sind Experten für Wartezeiten, Warteschlangen und Ähnliches. Kein gutes Training für Rebellionen. Verständlich daher, wenn viele von ihnen dankbar sind, wenn ein großer Pharmakonzern die Veranstaltung sponsert. Schließlich kennt jeder zumindest einige Fenster, wo solche Firmen das Geld hinausschmeißen, das sie zuvor an den Kranken und den Kassenbeitragszahlern verdient haben.

Karl Wimmler


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