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„Als ob man ihnen verbieten wollte, Mozart zu hören“
Archiv - Kultur
Donnerstag, 11. Mai 2006
ImageInstyria-Geschäftsführer Bernhard Rinner: „International gesehen bleibt wenig an Rezipierbarem übrig – das Kunsthaus, der steirische herbst und Nikolaus Harnoncourt"

Mit dem Geschäftsführer der Instyria Kulturservice GesmbH, Mag. Bernhard Rinner, sprach Christian Stenner für KORSO über Kunst, Klischees und Kulturstandort-Wettbewerb.


In Ihrem Büro hängen zwei Fotos, darstellend Nikolaus Harnoncourt und Thomas Bernhard – spielen der Dirigent und der große bürgerliche Provokateur des Bürgertums eine besondere Rolle in Ihrem Kulturverständnis?
Beide haben eine spezielle Rolle in der Kulturgeschichte Österreichs und wurden u.a. als agents provocateurs begriffen, obwohl sie nichts anderes taten als ihrer Überzeugung Ausdruck zu verleihen … ich schätze es besonders an KünstlerInnen, wenn sie wie die Genannten eine Botschaft zu überbringen haben, vor der sich niemand zurückziehen kann.

… wobei es ja einerseits schwieriger geworden ist mit Kunst zu provozieren – das ist ja nahezu schon ein Gemeinplatz – andererseits ist zumindest der künstlerische Mainstream noch um einen Tick geschmäcklerischer geworden …
Ja, wobei ich – gerade am Beispiel Harnoncourts und Bernhards – warnen möchte; provocation pour la provocation ist genauso wie l’art pour l’art sinnfrei. Etwas anderes ist es, wenn – wie eben von den beiden Genannten – Provokation in Aufklärung gewandelt wird und so Perspektiven verändert werden.

Sie haben selbst mit der Installierung der „No-Mozart-Zone" vielleicht nicht gerade einen Tabubruch begangen, aber doch kräftig an österreichischen Klischees gekratzt. Wie ist das aufgenommen worden? Zumindest in Graz hatte ich den Eindruck, dass die Hauswirth/Schrettle-Idee „Nestwärme Europa" im Rahmen der No-Mozart-Zone auf positive Reaktionen gestoßen ist …
Ja, wobei zwischen der No-Mozart-Zone und der Performance selbst zu unterscheiden ist. Wegen ersterer ist es in der Steiermark zu Irritationen gekommen – vermutlich weil damit an einem Identitätsmerkmal Österreichs gekratzt wurde. Es gab Anrufe von Menschen, die sich beklagten, man nähme ihnen einen Teil ihrer Geschichte, gerade so, als ob man ihnen verbieten wollte, Mozart zu hören; dabei war die „Zone" ja immer nur als Behauptung intendiert. Außerhalb der Steiermark und international waren die Reaktionen aber diametral dazu sehr positiv – von der BBC bis zur Berliner Morgenpost. Dort hat man die „No-Mozart-Zone" als Behauptung und Gedankenspiel begriffen, in der Steiermark hat man sie als Mozart-Verbot betrachtet.
Die Performance war in Graz geglückt, in Wien schwierig und in Salzburg hatte man den Eindruck, dass die Salzburger keinen Spaß verstehen.

Haben Sie mit der „No-Mozart-Zone" die paradoxe Intervention als internationalen Kultur-Marketing-Schmäh entdeckt?
Wenn es nur ein Marketing-Schmäh wäre, wäre es eine dumme Aktion.
Ich habe vor kurzem von jemandem gehört, dass er nach der Konfrontation mit meinen Plakaten zum ersten Mal eine Mozart-Biografie gelesen hat. Das ist doch ein Riesenerfolg.

Könnte man die Instyria als Scharnierstelle zwischen den Kunst- und Kulturschaffenden und dem Markt beschreiben – oder: Wie sehen Sie die Rolle Ihrer Gesellschaft?
Ich sehe meine Aufgabe darin, das, was an Kreativem produziert wird, in Kommunizierbares zu übersetzen. Den Begriff des Marktes muss man zielgruppenspezifisch definieren. Geht es um die regionale Zielgruppe der SteirerInnen, so ist dieser Markt sehr vielfältig. Wenn ich ihn jedoch überregional definiere, bleibt nicht viel an Rezipierbarem übrig. Das ist zwar bedauerlich, aber ich wage die These, dass Graz und die Steiermark international drei Möglichkeiten haben breite Aufmerksamkeit zu erregen – das Kunsthaus, den steirischen herbst und eben Nikolaus Harnoncourt. Natürlich gibt es Special-Interest-Märkte wie etwa die Fotografie mit der Camera Austria oder die Architektur; geht es aber um breite Wahrnehmbarkeit, bleiben nur die drei Genannten übrig.

Ein sehr einschränkende Auswahl, auch unter dem Aspekt, dass Harnoncourt – dem wir ein langes Leben und ungebrochene Schaffenskraft wünschen – ein absehbares Ablaufdatum hat …
Auch das Kunsthaus und der steirische herbst müssen sich ständig neu positionieren; genau darum geht es ja. Die Kulturpolitik in Stadt und Land denkt an ihr WählerInnenpublikum – das ist ihre Aufgabe und ihr gutes Recht. Mich beschäftigt in diesem Zusammenhang die Entwicklung der Vision, wofür der Kulturstandort Steiermark 2010 stehen soll; das Bewusstsein dafür versuche ich in vielen Diskussionen zu schärfen und auch ein wenig mitzuprägen.

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