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Art And Politics - Gegen die Repräsentationsfunktion der Kunst
Archiv - Kultur
Donnerstag, 11. Mai 2006
ImageEine weitgehende Politisierung verschiedener Lebensbereiche zeichnete sich von Anfang der 1960er Jahre bis in die 70er auch in der bildenden Kunst ab. Malerei und Grafik in Europa waren zu großen Teilen orientiert an gesellschaftskritischer Kunst der 1910er bis 30er Jahre und damit auch an Dada. Ein weiterer Aspekt europäischer Kunst, vor allem der französischen Neuen Realisten um den Kunstkritiker Pierre Restany, war eine oppositionelle Haltung gegenüber dem amerikanischen Abstrakten Expressionismus.

Diese Kunst wurde durchaus auch als ästhetische Kritik an der Konsumwelt, an bürgerlichem Besitzdenken, an der beginnenden Wegwerfgesellschaft und an einer Warenästhetik des schönen Scheins begriffen und damit als Antikunst, die sich der Auflösung repräsentativer Funktionen des Kunstwerks mittels übernommener respektive neu adaptierter Mittel bediente. So wurden Collage- und Montagetechniken, surreal und dadaistisch anmutende Verfremdungen wieder aktuell. Unter dem Titel Art And Politics. Erró, Fahlström, Köpcke, Lebel zeigt die Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum eine Ausstellung von Arbeiten, die zum Großteil aus der Sammlung Harald Falckenbergs stammen, Unternehmer und Jurist in Hamburg, der unter die 100 wichtigsten und einflussreichsten Sammler der Welt gereiht wird.

ImageHumor als entscheidendes Moment. Jean Jacques Lebel, 1936 in Neuilly-sur Seine bei Paris geboren, inszenierte mit L’Enterrement de la Chose de Tinguely 1960 das erste Happening in Europa. Seiner Einberufung zum Algerienkrieg (1954-1962) entzog er sich durch Emigration nach New York, wo er mit dem „Erfinder" des Happenings, dem kürzlich verstorbenen Allan Kaprow Freundschaft schloss. In der Ausstellung dokumentiert eine Fotoserie ein Happening, das 1965 unter dem Titel 120 minutes des dieux ou: Divin Marquis in Anlehnung an de Sades literarische Vorlage Die hundertzwanzig Tage von Sodom inszeniert wurde, die zu dieser Zeit von der französischen Regierung verboten worden war. Nach einem Aufruf engagierte Lebel an die 60 Personen, die im Theater an der Rue Fontaine 42 – in dem André Breton damals noch lebte – zum Besten gaben, was immer ihnen bisher verwehrt geblieben war. Etliche Verstöße gegen die guten Sitten führten zur anschließenden Festnahme durch die Polizei, wogegen wiederum Sartre, Breton und Marcel Duchamp in einem Manifest protestierten.

Ein Objektbild aus Zeitungsartikeln, Hinweisschildern und mehr oder weniger beweglichen Utensilien trägt den Titel Portrait de Nietzsche (1961/62) und steht für das Prinzip des offenen Kunstwerkes, das den Betrachter zum Mitgestalter machen will, indem ihm Angebote zum Eingriff, zum Beispiel der Tausch von Dingen, gemacht werden. Während der Demonstration, anlässlich der Pressevorstellung, dieser „Maschine, von der du etwas erhalten kannst, wenn du ihr etwas gibst" brach Lebel unabsichtlich selbst ein Stück ab und überreichte es Kuratorin Elisabeth Fiedler zur Aufbewahrung. Mit der Anmerkung, er werde es zu Hause im Atelier wieder einfügen, berief er sich auf die Intention seiner Kunst, den materiellen Wert des Werkes gegenüber seinen Qualitäten als gesellschaftliches Interaktionsmittel zu nivellieren. Außerdem, so Jean Jacques Lebel, sei „das entscheidende Moment im Happening und in der Kunst überhaupt – deshalb im Leben – Humor".

Eingriff und Partizipation. Auffallend ähnliche Werkblöcke stammen von Arthur Köpcke (1928, Hamburg – 1977, Kopenhagen) und Öyvind Fahlström (1928, Sao Paulo – 1976, Stockholm). Ohne dass die Künstler einander je begegnet wären arbeiteten beide an Collagen mit vergleichbaren Erzählstrukturen beziehungsweise entwickelten beide Möglichkeiten und Angebote zur Partizipation respektive zum Eingriff des Rezipienten in das Kunstwerk.
In den 1960ern kombinierte Köpcke Zeichnung und Collage zu rebusartigen Rätselbildern mit dem Anspruch, eine verschlüsselte Botschaft zu transportieren. Eine im Katalog abgebildete Arbeit von 1970 fordert ähnlich wie bei Lebel den Betrachter schon mit ihrem Titel zur Aktion auf: Sie nehmen nur teil, wenn Sie dieses Aktions-Stück, dieses Prinzip fortsetzen, sonst sind Sie nur ein Zugucker. Die Aufforderung zur Interaktion, betonte Jean-Jacques Lebel während der Pressevorschau, war allgemeines und werkimmanentes Prinzip, das nicht allein für Happenings, sondern auch für plastische und collagierte Arbeiten gelten sollte, um dem repräsentativen oder musealen Charakter des Kunstwerks zu brechen. Inzwischen – und angesichts des Eingangs in die Sammlung Falckenberg, den damit verbundenen versicherungstechnischen Konzessionen und Bedingungen in der Ausstellung – bedauert Lebel, sind Eingriffe durch den Betrachter, die Betrachterin dem musealen Usus entsprechend nicht mehr möglich. Davon betroffen auch die in der Ausstellung präsenten, an Comics erinnernden Puzzles von Fahlström, seine Magnetbilder oder figuralen Raumarbeiten wie Meatball Curtain (1970), die ursprünglich individuell arrangiert werden konnten, nun aber in einer Vitrine präsentiert werden.

Angesichts der durch diese Ausstellung in der Neuen Galerie vermittelten Relevanz und den kunsthistorisch wichtigen Positionen von Köpcke, Fahlström und Lebel, fällt auf, dass diese in der kunsthistorischen Aufarbeitung aus – unerfindlichen Gründen aber offenbar zu unrecht – vielfach nur marginal neben den Protagonisten des Neuen Realismus, des Happenings, der Aktions- oder Körperkunst Erwähnung finden. Anders dagegen der 1932 in Olafsik, Island, geborene Erró, Weltreisender und wie sein Freund Lebel Inszenator von Happenings.
In der Neuen Galerie zu sehen sind ironisch kritische Tafelbilder in Öl aus den 1960er und 70er Jahren. Im Stil des Sozialistischen Realismus tritt darin etwa Mao auf dem Markusplatz in Venedig oder vor der Skyline von New York auf. Paraphrasen auf Max Beckmann und George Grosz (1997) leiten über zu phantastischen Geschichten im Comic-Stil, die wiederum einen Vergleich zu Arbeiten von Fahlström erlauben.
Arts And Politics. Erró, Fahlström, Köpcke, Lebel ist in der Neuen Galerie, Graz, bis zum 5. Juni zu sehen. Der Katalog, hg. von Claus Mewes, enthält Texte von Harald Falckenberg, Roberto Ohrt, Waltraud Brodersen, Jean Jacques Lebel und eine Chronik von Friedrich Gross (ISBN 3-7672-1426-1). Informationen unter www.neuegalerie.at
Wenzel Mraček
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