Das nachhaltige Magazin für Graz und die Steiermark
Mit Ho Chi Minh zwischen allen Sesseln
Sonntag, 16. Mai 2010
Wimmlers Demontagen von Karl Wimmler Vor einem halben Jahrhundert waren sie in aller Munde – die Führer der sich von der kolonialen Abhängigkeit befreienden „Dritten Welt“. So unterschiedliche Namen wie Nyerere, Kenyatta, Nasser, Sukarno, Nehru, Castro, Mao und viele andere. Der  besondere Mythos Ho Chi Minhs, geboren vor 120 Jahren, am 19. Mai 1890, gestorben am 2. September 1969, entsprach dem Mythos jenes Landes, dessen Befreiung und Freiheit zeitlebens sein Ziel war: Vietnam. Und dessen Widerstand gegen den von den USA geführten Krieg die Welt in den Bann zog. USA – VIETNAM, das war das weltpolitische „Match“ der sechziger und der ersten Hälfte der siebziger Jahre, auf das sich alle Augen richteten. Und ohne Ho und Vietnam ist nicht zuletzt auch das westeuropäisch-US-amerikanische „1968“ kaum vorstellbar. „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ skandierten Studenten in den westlichen Metropolen und hopsten der rythmischen Lautmalerei gemäß durch die Straßen. Auch in Graz (hier allerdings mit etwas Verspätung).

Erinnert man heute daran, sitzt man schon zwischen allen Sesseln.
Es mutet in Zeiten wie diesen anachronistisch an, eine Figur der Weltgeschichte aufs Podest zu heben, die der Gang ebendieser Geschichte schon längst links liegengelassen zu haben scheint. Und ist das heutige Vietnam mit jenem vergleichbar, das Ho Chi Minh mit seinen Mitstreitern und Mitstreiterinnen erkämpfen wollte? – Na eben! Allerdings hört man heute in unseren Breiten nur noch selten etwas von diesem Land. Erdöl gibt’s dort kein nennenswertes, Islamisten ebensowenig, Al Kaida wurde in diesem Land auch noch nicht gesichtet, und die südvietnamesische Stadt Saigon, die seit dem Sieg über die USA Ho-Chi-Minh-Stadt genannt wurde, ähnelt, so hört man, manchen anderen Metropolen des Südens dieses Erdballs. Ist also uninteressant. – Ich allerdings bin stur und verstockt. Habe ich doch gelernt, dass Frankreich vierzig oder hundert Jahre nach der Revolution von 1789 auch nicht gerade den Vorstellungen seiner seinerzeitigen Revolutionäre entsprach. Den Französinnen und Franzosen fiel es aber – zumindest in ihrer großen Mehrheit – nie ein, plötzlich die Marseillaise zu verurteilen und die Revolution als Irrtum abzutun.

Zur Erinnerung oder Information:
Ho verlässt einundzwanzigjährig Vietnam, verdingt sich auf Schiffen, als Hilfsarbeiter und Tellerwäscher in London, in Paris als Retoucheur, ist Mitbegründer der KP Frankreichs, studiert ab 1923 in Moskau (Universität des Ostens), ist führend bei der Gründung der Kommunistischen Partei Indochinas (1930, aufgelöst 1945), Sieger bei den Wahlen 1946 für den KP-dominierten Vietminh (Liga für die Unabhängigkeit Vietnams). Antikolonialer Krieg gegen Frankreich bis 1954, Genfer Konferenz, provisorische Teilung des Landes, Verhinderung der laut Abkommen vorgesehenen gesamtvietnamesischen Wahlen durch die USA („Ho Chi Minh hätte 80% bekommen!“), kriegerische Auseinandersetzungen, Krieg, Niederlage der USA 1975. Hier keine Opferzahlen außer: angeblich rund eine Million Vietnamesen leiden heute körperlich an Kriegsfolgen.

Der Blick auf Ho Chi Minh
könnte heute allen Unkenrufen zum Trotz immer noch einiges erhellen. Zwei Beispiele: „Solange die französische und die englische Kommunistische Partei keine wirklich progressive Politik hinsichtlich der Kolonien betreiben, solange sie nicht einmal Kontakt mit den unterdrückten Völkern in den Kolonien hergestellt haben, wird ihr Programm als Ganzes auch in Zukunft ebenso wenig wie in der Vergangenheit etwas erreichen“ (Rede auf dem 5. Kongress der Kommunistischen Internationale 1924). Ho Chi Minh behielt Recht. Sie begriffen es bis zum Schluss nicht. Noch im Algerien in den fünfziger und  beginnenden sechziger Jahren standen die französischen Kommunisten Gewehr bei Fuß auf Seiten ihrer Regierung. General De Gaulle blies zum Rückzug, nicht sie. – Und heute: Wer in den reichen Ländern betreibt „wirklich progressive Politik“ hinsichtlich der armen Länder? Schon die Frage danach löst bestenfalls Befremden aus. Oder den Verweis auf „Schwellenländer“ durch Leute, die sich noch nie eine solche „Schwelle“ zu Gemüte geführt haben.

Zweites Beispiel, Ho Chi Minh 1959:
„Das Ehegesetz zielt auf die Emanzipation der Frau ab, d.h. auf die Befreiung einer Hälfte der Gesellschaft. Die Emanzipation der Frau muss mit dem Abbau feudalistischen und bürgerlichen Denkens beim Mann Hand in Hand gehen. Was die Frauen selbst betrifft, so sollten sie nicht auf die Direktiven von Regierung und Partei warten, sondern sich auf sich selbst verlassen und kämpfen.“ – Das muss man sich angesichts all der Ajatollahs, Talibans und Genitalverstümmler in manchen vergleichbaren Weltgegenden heutzutage einmal auf der Zunge zergehen lassen! Solche Gegner hat der sogenannte „Freie Westen“ einmal gehabt. Und solche Feinde hat er sich gemacht. Er hat sie auf Biegen und Brechen bekämpft und ruiniert und ihre Länder eins nach dem andern verwüstet. Bekommen hat er nun die Gegner, die er verdient. Oder nicht?
 
Vor einem knappen Jahr, am 4. Juni 2009
, hielt der Präsident der USA, Barack Obama, in Kairo eine Rede, die im gesamten Westblock daraufhin monatelang als „historisch“ abgefeiert wurde. Da habe er die verfehlte internationale Politik der USA in den vergangenen Jahrzehnten eingestanden. Noch im Jänner dieses Jahres behauptete beispielsweise eine deutsch-iranische „Expertin“ (Saba Farzan, Standard, 19.1.2010): „In seiner historischen Rede in Kairo sprach Barack Obama vom Fehler der Amerikaner, den ersten demokratischen Ministerpräsidenten des Irans, Mossadegh, 1953 zu stürzen, und entschuldigte sich dafür beim iranischen Volk.“ – Geschenkt! Die entsprechende Passage in der offiziellen Übersetzung der US-Administration: „Mitten im Kalten Krieg spielten die Vereinigten Staaten beim Sturz einer demokratisch gewählten iranischen Regierung eine Rolle. Seit der Islamischen Revolution spielt der Iran eine Rolle bei Geiselnahmen und Gewalt gegen amerikanische Soldaten und Zivilisten. Diese Geschichte ist weithin bekannt.“ – Von Entschuldigung keine Rede. Eine undefinierte „Rolle“ mit Gegenangriff. – So also wird das nichts. Gar nicht zu reden von „wirklich progressiver Politik“ gegenüber den armen Ländern. – Da lob ich mir Herrn Ho. Aus dem Gefängnis dichtete er 1941:
Weder hoch noch sehr weit,
weder Kaiser noch König,
du bist nur ein kleiner Meilenstein am Straßenrand.
Den Leuten, die vorbeigehen, weist du die richtige Richtung,
damit sie sich nicht verirren.
Du sagst ihnen die Entfernung, die sie noch gehen müssen.

Ach was! Politische Poesie! Wir hingegen haben „Wettbewerbsfähigkeit“ und „Wirtschaftsstandort“!
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