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Transformationen: Vom Heimatschutz zur Baukultur
Mittwoch, 18. November 2009
Vor hundert Jahren wurde der Steirische Heimatschutzverein von prominenten Vertretern des Bürgertums gegründet, um den auflösenden Tendenzen einer als bedrohlich empfundenen Moderne entgegenzuwirken.

Der Verein Baukultur Steiermark – seit einigen Jahren der Nachfolger des Heimatschutzvereins – nahm das 100-Jahr-Jubiläum zum Anlass, im Rahmen eines von Günther Koberg organisierten interdisziplinären Symposiums an der Technischen Universität Graz eine historische Spurensuche und zugleich Standortbestimmung für die Gegenwart zu anzustellen. Die Begriffe „Heimat“ und „Schutz“ wurden in den Beiträgen der Referenten auf ihre historischen Bedeutungsebenen hin sondiert und parallel dazu sollte der heutige Beitrag von „Baukultur“ zu qualitätvoller Architektur in einer globalisierten Welt diskutiert werden.

Bürgerliche Wurzeln und janusköpfige Moderne.
Der Kulturwissenschaftler Bernhard Tschofen (Tübingen) eröffnete die Veranstaltung mit einem Überblick über die sozialen Kontexte der konservatorischen Bewegungen in der Zeit um 1900. Die Industrialisierung mit ihren tiefgreifenden sozialen Veränderungen erzeugte im Bürgertum das Bedürfnis nach der Bewahrung einer heilen Welt, die vor dem verderblichen Einfluss der Metropolen bewahrt werden sollte. Für die Steiermark skizzierte die Kunsthistorikerin Antje Senarclens de Grancy die Frühzeit des Vereins für Heimatschutz, die zunehmend von deutschnationalen Tendenzen bzw. die Abwehr des Slawentums geprägt war. Zugleich zeigen sich in der „bodenständigen“ Bauweise in ihrer Einfachheit durchaus moderne Elemente, die sich der Ablehnung eines überfrachteten Historismus verdanken.

Heimat und Heim als Spiegel der Seele.
In der Zwischenkriegszeit war es, so der Grazer Volkskundler Helmut Eberhardt, vor allem Viktor Geramb, der mittels verschiedener Einrichtungen eine gesamtgesellschaftliche Durchdringung mit den Ideen des Heimatschutzes anstrebte und dabei in das Fahrwasser der NS-Diktatur geriet. Über die psychoanalytische Konnotation des Hauses reflektierte Rainer Danzinger: „Es bietet auf der einen Seite Schutz in Reminiszenz an den Mutterleib, auf der anderen repräsentiert es nach außen hin Status und Macht, bis hin zur faschistischen Architektur mit ihren imperialen Protzbauten.

Der Blick über die Grenzen. Im zweiten Teil des Symposiums ging es um die vergleichende Betrachtung der verschiedenen Traditionen in Mitteleuropa. Monika Suter referierte über die Neupositionierung des Heimatschutzvereins in der Schweiz, der sich von einer rein konservierenden Haltung der Weiterentwicklung von Architektur im ländlichen Raum gegenüber geöffnet hat und sich auch dem Schutz der verpönten 50er-Jahre Bauwerke widmet. Der Publizist und Leiter des Architekturforums in Tirol, Arno Ritter, zeigte die Chancen einer breiten Einbindung von engagierten Laien für wertvolle Impulse auf die Baukultur, während der deutsche Kunsthistoriker Andreas Ruby den Begriff der „Transformation“ hervorhob, mit dessen Hilfe er der „künstlichen“ Rekonstruktion von historischen Monumenten, wie dem Berliner Stadtschloss, eine strikte Absage erteilt.
Die Zukunft der Baukultur. Die Rolle der „modernen“ Vermittlungsinstitutionen stand im Mittelpunkt des Beitrags von Barbara Feller (Wien), die den Umgang mit Baukultur in einer Kategorie des Alltags, vor allem in der Arbeit mit Jugendlichen, verankern möchte. In der abschließenden Diskussion stand wiederum der Begriff einer qualitätvollen Architektur im Zentrum der Betrachtung. Bernhard Tschofen mahnte die Architekten in Bezug auf Baukultur „vom normativen Ross herunterzukommen“, um eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit zu ermöglichen. Arno Ritter bedauerte den allgemeinen Mangel an einer Kultur der Qualität, „in einer Zeit in der rechtliche Normen den künstlerischen Anspruch zunehmend verdrängen. Eine große Chance, darin waren sich die Diskutanten einig, liegt für die Zukunft in einer internationalen Betrachtung der Herausforderungen des Bewahrens und zugleich kreativen Umgangs mit dem kulturellen Erbe.

 | Josef Schiffer

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