Das nachhaltige Magazin für Graz und die Steiermark
IN BAHNEN – eine Zerstückelung
Freitag, 10. April 2009

Natascha Gangl

R: In der Bahn
Innen
In der Bahn
Du auch
Wir entkommen kommen raus
Du mit mir
Entkommst
Wie ich
Gleich in der Bahn
Gleich innen
Schön
Schön
Fährt schon gleich
Fährt schon gleich fort
Gleich
Mit uns
Fort
Weit fort
Fährt sie schon?
Sie fährt schon.

A: Die Bahn fährt immer-
R: Bewegt sich schon-
A: Im Kreis.
R: Bewegt sich?
A: Im Kreis.
R: Gleich? Gleich fort weit fort fahren mit Leben.
A: Wann kommt der Südbahnhof?
Wo ist der Südbahnhof?
R: In der Stadt
DIE STADT GÄHNT
Man muss raus.
Raus bevor der Mund zumacht.
Dunkel nass und schleimend.
A: Ich mag Heim.
R: Man muss fort fahren.
Wir können jetzt fort fahren mit Leben
In der Bahn.
Wir sind:
In der Bahn!
A: Am Südbahnhof muss ich aussteigen dann find ich heim vom Südbahnhof find ich heim. Ich muss nur richtig aussteigen.
R: Die Bahn fährt jetzt.
Wir fahren jetzt.
Fort.
...
A: Der Südbahnhof ist hier – vielleicht hier - ich muss am Südbahnhof aussteigen dann find ich heim ich muss nur richtig aussteigen ich mag heim ich muss vielleicht aussteigen hier vielleicht muss ich aussteigen hier.
Vielleicht muss ich aussteigen hier.
R: Bitte.
Bitte.
Nicht. Nicht stehen bleiben.
Bitte Bahn bitte.
Fahr Bahn bitte fahr fort.
Bahn bitte fahr fort fahr Bahn fahr fort.
Bitte nicht stehen bleiben.
Bitte
Bitte
Die Stadt gähnt die Gefahr
Die Gefahr die Stadt gähnt und wir müssen doch
Müssen doch raus bevor der Mund zu
Der macht zu
Und die Gefahr die Gefahr besteht das Zähne aufeinander fallen sich verbeißen in:
Uns.
Verbeißen in: uns.
Bitte Bahn fahr fort
Fahr fort
Bitte fahr fort
Komm:
Entkomm
Komm
Bitte
Bahn
Komm
A: Ich muss aussteigen.
R: Und wenn sie nicht –
Die Bahn
Wenn sie nicht
Fort fährt mit uns
Dann stehlen wir ein Auto
Einfach!
Kleines altes.
Rotes Rostiges.
Stehlen.
Stehlen sich einfach.
Fenster schließen nicht.
Nicht ganz.

Dann: Fahren.
Nach Italien. Fahren.
Bis die Füße einschlafen: Fahren
HÖR ZU!
Hör zu.
Wir fahren. Bis die Füße einschlafen: Fahren.
Und dann.
Dann: Raufklettern.
Aufs Auto. Raufklettern.
Aufs Dach.
Dann: Ausschau.
Halten.
Die Hände.
Fest halten.
Dich.

Halten.

Ausschau.
Halten.
Nach:

Riesen.
Zwergen.
Dem Meer.
Dich. Halten.
Du. Wirst nicht fallen.
Dich. Halten an Händen.
Werde ich sicher.
Sicher.

Fort.
Weit fort.
Außer Gefahr.
Aus der Stadt.
Sehend. Meer sehend.

Bitte fahr fort
Komm:
Entkomm
Komm
Bitte
Komm
Bitte
Komm
Fahr fort
Bitte Bahn
Fahr
Jetzt
Fahr
Jetzt
A: Ich glaube an den Kreis der Bahn mit einer großen Sicherheit.
Die Bahn fährt immer im Kreis.
Ich weiß es denn sie kommt so regelmäßig immer zum gleichen Tag zur gleichen Zeit immer.
Die Bahn fährt bestimmt im Kreis. Darum komm ich auch wieder heim.
...
Ich setz mich einfach hin.
...
Ich fahr dann halt einfach im Kreis einmal.
Ich glaub an Kreise. Sehr fest glaub ich an Kreise.
Ein Kreis ist eine sichere Sache.
Er hat kein Ende.
Er bleibt wie er ist.
Wenn er nicht bleibt wie er ist, heißt er nicht Kreis.
So sicher ist er.
Der Kreis.
Es ist gut an Kreise zu glauben weil der Glaube dann immer stimmt. Wenn es nicht vollständig ist ist es kein Kreis und dann ist kein Glaube nötig man schaut weiter und wird einen finden – Kreise gibt es überall.
R: Wir fahren fort.
A: In die Sonne. Die Sonne ist ein Kreis.
Die Sonne.
Das Wasser geht im Kreis wegen der Sonne. Morgens steht es sehr früh auf wegen der Sonne steht es auf es schafft es hoch und es stellt sich auf eine Blume drauf.
Das Wasser weiß die Sonne kommt und das Wasser weiß die Sonne holt das Wasser ab denn das Wasser weiß es war immer so und deswegen kann es lange auf die Sonne warten wenn da Wolken sind braucht sie manchmal länger braucht sie manchmal unendlich lang und das Wasser denkt schon an alles mögliche und denkt schon es ist vielleicht ein falsches Wasser und das es eine zu große Dreckigkeit hat und das die Sonne es vielleicht nicht abholen mag und Angst hat es aber es wartet es wartet denn es weiß ja das Wasser weiß ja das die Sonne ein Kreis ist ein ganz vollkommener Kreis und auch wenn da Wolken sind – bleibt sie ein Kreis und  früher oder später kommt sie durch. Die Sonne kommt durch und sie kommt durch. Und das Wasser braucht die Sonne gar nicht anzusehen da spürt es schon die Sonne kommt durch und ist vollkommen denn es ist eine Helligkeit da auch wenn man die nicht so genau verorten kann und das Wasser spürt wie es beginnt zu kitzeln und zu funkeln wie lauter kleine Sonnenteile ihm in den Rücken in die Schultern und in die Ohren fahren und es in seiner tiefsten Mitte aufknöpfeln und das Wasser weiß jetzt ist alles gut und es beginnt in immer mehr seiner Teile zu leuchten – die Sonne zieht überall ein - die Sonne zieht überall ein im Wasser und das Wasser weiß gar nicht mehr ob es das Wasser oder die Sonne ist das Wasser weiß nur mehr Licht und es steigt hoch -
Das Wasser bleibt nie über und bleibt nie alleine.
J: Es ist aber keine öffentliche Bahn.
R: Bewegt sie sich?
Bewegt sich die Bahn?
J: Es ist gut möglich. Ja – manchmal glaube ich sie fährt vorwärts und dann bin ich mir wieder nicht sicher – man sieht nicht gut heraus aus meiner Bahn.
R: Bewegt sich diese Bahn?
J: Das geht keinen etwas an. Das ist privat hier. Es braucht sie nicht zu interessieren. Kümmern sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten.
Ich habe nicht gesagt sie sollen einsteigen – habe ich gesagt sie sollen einsteigen?
A: Die Türe stand noch offen.
J: Die Türe. Die verdammten Türen schließen auch nicht mehr ganz. Ich sollte das reparieren. Es kann ja keiner wissen.  
A: Die Bahn hat auf uns gewartet. Die Bahn bringt uns heim.
J: Hören Sie, ich erwarte niemanden hier. Ich bringe niemanden heim. Ich warte auf niemanden. Meine Bahn hält willkürlich. Und willkürlich fährt sie wieder an, auf Wegen die sich niemand ausgesucht hat.
Ich kann niemanden transportieren – diese Bahn hält vielleicht nicht mehr.
R: Wir bleiben nicht.
Nicht: hier!
Bestimmt nicht: hier!
Bestimmt nicht in dieser Stadt.
Ich lasse euch nicht zurück.
Ich lasse euch nicht einschlafen.
Ich lasse die Zähne
Der Stadt die Schwärze nicht
Drauf fallen auf euch nicht
Auf mich nicht
WIR
FAHREN
FORT.
FAHREN
FORT
MIT LEBEN.
Wir finden
Ein Heim
Echtes Heim
Daheim.
J: Danke aber ich habe ein zuhause. Diese Bahn ist mein Zuhause.
R: Fahren.
Fort fahren ist dein Zuhause sein Zuhause mein Zuhause jetzt.
J: Meine Bahn kann sie nirgendwo hinbringen.
Meine Bahn kann nicht auf sie warten.
Meine Bahn kann nicht rechtzeitig halten und nicht rechtzeitig anfahren. Es tut mir leid. Es ist aber auch keine öffentliche Bahn.
Meine Bahn hält willkürlich. Und willkürlich fährt sie wieder an auf Wegen die sich niemand ausgesucht hat.
Es ist derzeit nicht möglich. Derzeit wird diese Bahn repariert.
Bitte verlassen sie diese Bahn. Diese Bahn wird derzeit repariert. Bitte verlassen sie diese Bahn.
R: Fahren.
Fort fahren ist dein Zuhause sein Zuhause mein Zuhause jetzt.
Öffnen alles
Lassen den Sturm ins Abteil
Lassen uns durchsuchen
Und alles
Das nicht fest ist
Fliegt
Fliegt
Fliegt
Zum Fenster raus wir fahren in die Sonne
Und einmal
Einmal
Wenn die Bahn hält:
Rennen wetzen rennen rennen rutschen hängen plumpsen
Weiter weiter mehr rennen rutschen fangen springen
Rennen hängen plumpsen wir
Sacken wir
In Sand sacken setzen
Und:
Einmal
Durchsieben
Und:
Einmal
Fest klopfen
Einmal
Anerden
Dann:
Kniebeugen
Kopf ducken
Losrollen
Einkugelnd: im Sand.
Rotwangig
Nasen: stupsen
Nüstern: blähen
Zungen: zeigen
Wasser: saugen.
Weiterrollend
Sand blinzeln
Sand beißen
Sand nabelnd
Bis es finster.
Dann: Buddeln
Mit Grübchen eine Grube
Sicher rund
Ein Heim. Da. Heim.
Sicher rund
In Wüstenmitte: ein Spielbodenheim
Wangen aneinander
Aufschauen
Groß grinsend in die Kälte.
Aneinander gegrinst
Zwei Murmeln
Eine Kerbe
Einnickend.
Ein Ja.
Du.
Ich. Du.
Wir fahren fort.
A: Vielleicht muss ich aussteigen hier.
Vielleicht hab ich jetzt genug beim Untergehen zugeschaut und vielleicht weiß ich das gehört dazu – das gehört selbst zur Sonne dazu – die ist vollkommen – die lässt nichts aus – die geht auch einfach unter wird schwach und schwächer und man muss sie lassen weil die ist wie sie ist und die bewegt sich bis sie wieder untergeht und das Wasser hockt und schaut ihr nach und die kommt schon wieder die kommt schon wieder hoch – manchmal dauert es lang unendlich lang – aber das Wasser weiß es war immer so und die wird und das Wasser hat sowieso genug mit sich selbst – genug zu tun hat das und sich selber und seinen Kreis und den aushalten –  und dauernd mittendrin und draußen am Schauen und nichts tun mehr können und wollen – was ist denn das für eine Haltung und ich bin mir sicher der Körper ist nicht konzipiert für so eine-
Vielleicht muss ich hier aussteigen.
J: Vielleicht wäre das besser. Diese Bahn ist privat und sie wird derzeit repariert. Und sie ist gefährlich. Diese Bahn, meine Bahn, ist ein Maul: dunkel nass und schleimend. Mit Zähnen die sich verbeißen in Passagiere und sie abquetschen.
R: Sprengen. Auslöschen.
J: Und dann?
A: Es bleibt sowieso etwas bleibt immer:
Wenn eine Seite auseinander fällt sieht man wie die andere Seite hält und wenn die andere Seite auseinander fällt sieht man wie eine weitere Seite alles hält und man sieht eine Seite die alles zusammenhält an die man nicht gedacht hat bis sie auseinanderfällt und eine andere Seite alles zusammenhält.
R: Wir waren
Schon
So weit
J: Im Maul.
A: Dunkel nass
R: Nachttauchen.
J: Siehst es nicht. Siehst es nicht kommen
A: Bis einer bewegt.
R: braucht nur: bewegen
A: Vielleicht muss ich aussteigen hier ich bin mir nicht sicher –
R: Vielleicht muss ich aussteigen hier
J: Vielleicht muss ich aussteigen hier

 

Natascha Gangl
Geboren 1986 in Bad Radkersburg
Studium der Philosophie an der Uni Wien
Seit 2008 Lehrgang für Szenisches Schreiben bei uniT
2007 nominiert für den Retzhofer Literaturpreis
2008: UA Zugvögel. Ein Schauflug im Theater im Palais (Auftragswerk für die Universität für Musik und Darstellende Kunst Graz)
2008: UA In Bahnen Theater am Lend.
Wiener Dramatikerstipendium 2009

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