Das nachhaltige Magazin für Graz und die Steiermark
Neujahrsgrüße von der Crash-Front
Montag, 12. Januar 2009

Wimmlers Demontagen

Karl Wimmlers Essays der Serie „Meine heimatliche Fremde“ zählten im vorigen Jahr zu den meistdiskutierten KORSO-Beiträgen. Heuer setzen wir mit einem anderen Schwerpunkt fort: In „Wimmlers Demontagen“ wirft der Autor monatlich einen Blick auf die Widersprüche und Verwerfungen, die mit der aktuellen Krise einhergehen – und auf die ideologischen Schleier, mit denen sie bemäntelt wird.

Mein australischer Gewährsmann schreibt:

„Ich musste nach Adelaide fliegen und wollte bei dieser Gelegenheit unseren Freund Sandor treffen. Aber der unterrichtet im Moment im Northern Territory eine analphabetische Aborigines-Klasse. Und so sitz ich da allein im Hotel und grüble. So viel Scheiß hab ich selten gehört über den Kapitalismus, wie in den letzten Monaten. Da erscheint dann einer wie der frühere Finanzhai George Soros wie ein Erleuchteter. Vielleicht hat er in den letzten Jahren Zeit gefunden, ein bisserl Marx zu lesen, von dem er 1946 aus Ungarn davongelaufen ist. Ich jedenfalls hab das ‚Kapital’ zu wenig studiert und begriffen, das weiß ich heute. Ich hab geglaubt, dagegen anrennen zu können. Ich renne zwar noch, aber die Beine werden manchmal schwer. Gestern hab ich einen Anruf bekommen, dass mein Minenprojekt zwar noch nicht geplatzt ist, aber auf Sturm steht. Keine Sorge, ich werd mit einem blauen Aug davonkommen, von Untergang ist noch keine Rede. Aber ‚Die letzten Tage der Menschheit’ des Karl Kraus kommen mir in einem fort unter.
Am lautesten schreien ja die, die in den letzten Jahren aus viel heißer Luft Berge von Geld gescheffelt haben und denen jetzt einige Hügel an Buchgeld wieder zu heißer Luft verdunstet sind. Eigentlich fällt mir dazu ja mehr noch der Kuh ein, Anton. Was hätte der gemacht aus dem Mail, das ich kürzlich von einem thailändischen Geschäftspartner erhielt:
“Many thank for information. I also have problem Export order slow down. In Local market also keep quiet. Steel cost, other material, hydraulics, keep Constance no up, no down. What we can do? Only wait and see, 31 B/AUD [= thailändische Baht/Australische Dollar] have change to 23 B/AUD good for you for export, import will dead sooner. So my idea now unable to discount 20% an exchange rate not so stable, the thing we can do now wait and see. Sorry to say that, it can’t get better. Best regards.”
Der Mann ist Chef eines mittelgroßen Industriebetriebs. Ob der Qualtinger solche Stilblüten hätte überbieten können? Wobei für mich Englisch ebenso Zweitsprache ist wie für den Thai. Vielleicht sollte ich mich besaufen und auch eine prophetische Neujahrsrede halten, wie der, „Besoffene“ des Anton Kuh im Jahr 1913: ‚ …die Japaner halten eh schon lang mit die Böhm … Und die Böhm, die haben a eigens Land, des geht bis Pressburg … mia wern republikanisch … so wie in der Grafschaft Siam … und Atzgersdurf kommt an Ungarn … Geld ist nachher an Dreck wert … die Schlurf und Gauner kaufen sich Wien zsamm … Was manen’S wird ein Stückl Brot kosten? 2000 Kronen! … und a Anzug Millionen …’
In unseren Breiten versinken derweil die Kulturen des Kapitalismus im Nirwana. Ich war letzte Woche in Shanghai – von wegen ‚Dritte Welt’! Als ich nach Perth zurückkam und im 20 Jahre alten Flughafen eine halbe Stunde auf mein Gepäck wartete, wusste ich, wohin die Dritte Welt kommt – obwohl Shanghai, ich weiß, auch ein Mix aus Erster und Dritter ist. Und auch das Goldene glänzt dort meistens nicht, weil die Sonne durch den Dreck nicht durchkommt – na ja, an einem Tag von vier doch. Den Wiener Flughafen würden die Chinesen in Shanghai im Frachtterminal unterbringen, wahrscheinlich mitsamt der ganzen AUA.
Nach einem australischen Bier lande ich wieder bei den ,Letzten Tagen der Menschheit’ des großen Kraus, dort wo ‚ein Wiener von einer  Bank eine Ansprache’ hält: ‚Sind wir doch umgerungen von lauter Feinden! Mir führn einen heilinger Verteilungskrieg führn mir! ... Und darum sage ich auch, ein jeder soll zusammenstehen wie ein Mann! Dass sie’s nur hören, die Feind, es ist ein heilinger Verteilungskrieg, was mir führn!’ – Beachtlich eigentlich, dass der Kraus gewusst hat, wie nichtig der Unterschied zwischen ,Verteidigungskrieg’ und Verteilungkrieg ist. – Aber dafür muss man den HQ im Ohr haben – nicht ‚head quarter’, sondern Helmut Qualtinger. In diesem Sinne, best regards.“


Wer „fortschrittlich“ ist, dem geht es an den Kragen.
Lieber Freund! Auch ich bringe mit Begeisterung Kraut und Rüben durcheinander. Weil ja alles miteinander zusammenhängt. Ich war kürzlich in Ungarn. Und hab da die Nachahmer der SS und der ungarischen Pfeilkreuzler der dreißiger Jahre (und Vorahmer wovon?) in ihren schwarzen Uniformen herumhetzen gesehen. Apropos Ungarn. Als die hiesigen Journalisten am Ende des vergangenen Sommers mitgekriegt haben, dass es in der Finanzwelt kracht, wurde im Standard ein Experte zitiert: „Ungarn wird von der Krise nicht  stark betroffen sein, denn das ungarische Finanzsystem ist noch sehr rückständig.“ – Merke also: Wer „fortschrittlich“ ist, dem geht es an den Kragen. Inzwischen hat man von diesem Analysten nichts mehr gehört, weil auch Ungarn am Rande des Bankrotts lustwandelt. Daran hat auch der Soros nichts ändern können, der manchmal vielleicht hinterher als Marxist erscheint; es käme aber darauf an, es vorher zu sein. Übrigens, tatsächlich: „Ich habe gerade Marx gelesen“, erklärte er kürzlich, „und es gibt schrecklich viel Wahres in dem, was er sagt.“ Donnerwetter aber! Aber dann bleibt immer noch das Problem, dass die „Marxisten“ in den immer noch reichen Ländern seit Jahrzehnten kaum brauchbare Handlungsanleitungen zustande bringen. Und derweil krepiert die halbe Welt.
Auch ohne Marx ist zumindest das stinknormale Hinschauen schon ganz wertvoll. Wie jener Besitzer einer privaten Londoner Bank bewies, der im April 2007 in der Financial Times mit den Worten zitiert wurde: „Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass die meisten Lebensversicherungen, die CDOs (Collateralized Debt Obligations) kaufen, die zugrunde liegenden Risken nicht verstehen.“ Aber deren Manager taten und tun es – für Erfolgshonorare, Aktienoptionen, Pensionszusagen und astronomische Gehälter, während sie für die später eingetretenen Verluste nicht haften.

Wenigstens Plastik.
Dass du mit einem blauen Aug davonkommen wirst, ist halbwegs beruhigend. Wenigstens brauchst du nicht jammern wie der Spekulant in den „Letzten Tagen der Menschheit“: „I hob Skoda-Aktien! I hob Skoda-Aktien!“ Aber dafür weißt du wie Karl Kraus und ich: „Die Sache, für die wir ausgezogen wurden, ist eine gerechte!“ Ob das Grazer Literatenoriginal der letzten Jahrzehnte, Herwig von Kreuzbruck, das wusste, ist mir nicht bekannt. Dieser schwule Marienverehrer, Alkoholiker und Poet wurde kürzlich hier zu Grabe getragen. Was er zur Finanzwelt gesagt hat oder hätte, weiß ich nicht. Es hätte aber sicherlich neben den Kommentaren anderer Experten durchaus bestehen können. Und wie du siehst, halte ich mich ganz an Deine Maxime: Delirierend ist die Welt manchmal leichter verständlich. Und vielleicht auch leichter zu erklären. In diesem Sinne, Prosit Neujahr!

P.S.: Noch ein passender Sager von Otto Lechner, des blinden Weltklasse-Akkordeonisten, beim vergangenen Weihnachtskonzert in Wien: „Früher hab ich immer gesagt: Laßts das bleiben mit den CDs! Is ja nur Plastik. Sparts euer Geld für was Besseres. Jetzt sag ich: Kaufts unsere CDs! Dann habts wenigstens Plastik!“
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