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Horst Skoff – sein Spiel
Samstag, 5. Juli 2008
Stuhlpfarrers Aufwärtshaken

„Das Leben ist ein Spiel“ suggeriert uns dieser Tage ein großer Sportwettenanbieter. Dieses Spiel ist für uns Erdbewohner bekanntlich ein endliches Unterfangen – früher oder später verlieren wir es alle (ob das folgende Spiel unendlichen Charakter haben wird, vermag ich an dieser Stelle nicht zu beantworten und muss gestehen, dass mich die Unendlichkeit des Seins eher abschreckt, denn zu Begeisterungsstürmen animiert).

Horst Skoff, ehemaliger österreichischer Weltklasse-Tennisspieler hat sein Spiel eher früher verloren. Mit nur 39 Jahren verstarb der Kärntner am 7. Juni in einem Hamburger Krankenhaus. Skoffs Tod kam unerwartet. Der heimische Boulevard verwendete Attribute wie „mysteriös“ oder „tragisch“ und auch wenn eine Obduktion der deutschen Behörden zum Schluss kam, dass der Sportler eines natürlichen Todes gestorben war, so bedienten sich sämtliche heimische Printmedien der Spekulation über Skoffs letzte Stunden. Nicht zuletzt das hochgeschätzte profil vermeldete, dass Skoff vergangene Woche in Hamburg bei Sexspielen mit Dominas einem Herzinfarkt erlag (Profil, Nr. 35/16. Juni, Seite 8). Prominent zu sterben ist für die Angehörigen zweifellos keine appetitliche Angelegenheit.  

Wenngleich uns der Tod angeblich alle gleich macht, so konnte Skoff zumindest in Bezug auf seine weltliche Performance eine erfrischende – durchaus inszenierte – Alterität aufweisen.
Dieser Horst Skoff war anders als andere SpitzensportlerInnen: aufgeschlossen gegenüber den Genüssen des Lebens, selten verbissen, dafür aber scherzhaft und freisinnig – sozusagen der Falco unter Österreichs SportlerInnen. Angesprochen auf seine Gesundheit, meinte der Kärntner dereinst: Ich trinke zu viel Kaffee und Alkohol und rauche zu viel. Sonst lebe ich aber gesund. Skoff wollte auch abseits des Courts sein Leben „leben“, den Nachtfalken mimen, unbeschwert und goschert sein. Soweit so gut. Leider haben Spitzensport und Nachtleben aber ziemlich wenig Schnittmenge. Insofern hätte Skoff erfolgreicher sein können, hätte er es gewollt; härter trainiert und weniger gefeiert. Skoff wollte aber beides: Gutes Tennis spielen und gleichzeitig auch gut leben – beides gelang ihm während seiner aktiven Karriere beachtlich gut. Skoff rannte der gelben Filzkugel verhältnismäßig erfolgreich (bestes ATP-Ranking: 18) hinterher, ließ aber auch abseits des Centre-Courts wenig anbrennen. Er brachte einfach beides unter einen Hut.

Trotzdem hätte Skoffs Leistung am Tennisplatz mehr Aufmerksamkeit verdient. Sein Pech hatte einen Namen: Thomas Muster. Just während seiner Hoch-Zeit war auch Muster Weltspitze. Muster war besser (bestes ATP-Ranking: 1), Skoff nur die Nummer Zwei. Die ewige Nummer Zwei. Skoff und Muster polarisierten Anfang der Neunziger Jahre eine ganze Tennis-Nation: Auf der einen Seite der harte Arbeiter, Muster, den sogar gebrochene Beine nicht vom mehrstündigen, täglichen Training abhalten konnten, auf der anderen Seite der Entertainer Skoff, der als schlampiges Talent galt, gleichzeitig aber immer einen Schmäh in petto hatte. Unter Tennis-FetischistInnen hatte die Entscheidung für oder gegen Skoff beziehungsweise Muster einen Entweder-Oder-Charakter. Beide zu unterstützen wäre undenkbar gewesen, zu unterschiedlich agierten Skoff und Muster am beziehungsweise abseits des Tennisplatzes. Die Frage, wem der beiden die beiden Daumen gedrückt werden sollten, war gleichbedeutend wie die elementare Entscheidung zwischen Twinni oder Jolly beziehungsweise Beatles oder Stones zwei Generationen davor.

Obgleich Muster der erfolgreichere Tennisspieler war, konnte auch Skoff auf eine treue Fangemeinde vertrauen. Und das obwohl der Kärntner einige, ganz wichtige Daviscup-Partien versemmelt hatte und somit die österreichische Tennis-Seele nachhaltig unbefriedigt lies. Als eines der drei Daviscup-Musketiere (der Dritte im Bunde war Alexander Antonitsch) verlor Skoff die entscheidenden Partien gegen die USA (1990) als auch gegen Deutschland (1995). Nachdem er vom Deutschen Marc-Kevin Goellner 1995 besiegt worden war, brachte es Skoff auf den Punkt: „Jetzt bin ich der Versager der Nation.“ Diese beiden Niederlagen hatten ihn gezeichnet. Er beendete seine Karriere 1999 und war mit einem Schlag nur noch Privatier, versuchte sich sowohl als Bio-Bauer, als auch als Förderer des Kärntner Tennis-Nachwuchses. Wie für viele seiner Standeskollegen bedeutete das Karriere-Ende aber nicht gleichzeitig einen neuen Karriere-Anfang. In diesem Punkt reihte sich Skoff nämlich nahtlos in eine Liste von SportlerInnen ein, die mit ihrem neuen Leben abseits der aktiven Karriere ihre Probleme hatten. Ingo Peyker, ehemaliger Professor am Institut für Sportwissenschaften an der Uni-Graz, kennt dieses Phänomen: „Spitzensportler sind eine Portion Aufmerksamkeit gewohnt. Nach Beendigung ihrer Karriere folgt oft ein Vakuum.“ Demnach fallen besonders SpitzensportlerInnen nach Beendigung ihrer Karriere in ein tiefes Loch, weil sie zum einen wenig soziale Strukturen außerhalb des Sports haben (dieser Punkt dürfte für Skoff nur bedingt schlagend geworden sein), und zum anderen an einem Aufmerksamkeitsdefizit leiden. Nicht nur das Selbstbild suggeriert in diesem Fall Wertlosigkeit. SpitzensportlerInnen sind nicht mehr im Stande, das zu leisten, was von ihnen erwartet wird und deshalb innerhalb der Gesellschaft benachteiligt. In diesem Sinne ist der Spitzensport ein Abbild der marktwirtschaftlichen Ordnung heutiger Gesellschaften, die das Sein nach dem Wert definieren. Ein ähnliches Schicksal teilen etwa auch MigrantInnen: Auch sie sind nichts wert, auch von ihnen erwartet die Öffentliche Hand nichts, und auch sie können und sollen in den Augen des Staates nichts zum öffentlichen Wohl beitragen.

Horst Skoff war beliebt und der Grund dafür ist eigentlich profan: Sportliche Höchstleistungen sind keineswegs gleichbedeutend mit kollektiver Verehrung. Vielmehr bot gerade das schlampige aber lebenslustige Genie Skoff ein höheres Identifikationspotential, als der harte Arbeiter Muster, der alles gewann und während der Siegerehrung oft den Eindruck erweckte, als würde ihm bereits der nächste Sieg durch den Kopf geistern.
Das Scheitern ist dem endlichen Leben schlichtweg geläufiger als das ständige Brillieren. Ob sich das Scheitern auch im – womöglich unendlichen – postvitalen Leben fortsetzt, wird Horst Skoff mittlerweile wissen. Aber, wer weiß….


Gregor Immanuel Stuhlpfarrer, Mag. phil., studierte Geschichte, Theologie und Soziologie in Graz und Zagreb. Für den Balkan hat er ein Faible, für Manner-Schnitten eine Schwäche und dem Tatort im ORF schenkt er Sonntag für Sonntag seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Sein besonderes Interesse gilt der Politik, der Musik und dem runden Leder. Veröffentlichungen (Auswahl): Der Standard, Wiener Zeitung, Die Furche.
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