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Die erleuchteten Fenster – Fotokunst von Gerhard Gross
Archiv - Kultur
ImageMit einer Serie von Architekturfotografien, aufgenommen im Jahr 2003 in Seattle, leitete Gerhard Gross seinen Vortrag in Fortsetzung der Künstlergespräche im Forum Stadtpark ein. Was diese Bilder von weitgehend üblichen Methoden der Architekturfotografie unterscheidet, ist, dass sie ausschließlich im Verlauf nächtlicher Wanderungen durch die Stadt festgehalten wurden.

In der partiellen Dunkelheit, die nur durch das Licht der Straßenbeleuchtung und erleuchteter Werbeflächen gebrochen wird, werden Details hervorgehoben, die den Charakter der Bauwerke gegenüber den Tagansichten immens verändern. Die Nachtaufnahmen erfordern vor allem lange Belichtungszeiten, weshalb vorübergehende Menschen nicht sichtbar sind bzw. alle sich bewegenden Elemente meist als kaum zu identifizierende Lichtspur die Bildkomposition beeinflussen. Den Eindruck von Bewegung suggeriert Gross durch jeweils drei bis fünf Aufnahmen in Annäherung an und Entfernung vom Motiv. Am Beispiel einer in diesen Fotografien archaisch anmutenden Wasseraufbereitungsanlage führt er vor, wie Proportions- und Größenverhältnisse eines Bauwerks aufgelöst werden und als abstrakt flächige Struktur den Bildraum bestimmen. Und er betont sein Arbeitsprinzip, nach dem keines dieser Fotos am Computer bearbeitet wurde.
Gerhard Gross, 1968 in Graz geboren, studierte Kunstgeschichte an der Karl Franzens Universität und über ein Auslandsstipendium an der University of California in Los Angeles. Seit 1984 ist er mit Einzelausstellungen und Beteiligungen in Österreich und im südosteuropäischen Raum präsent. 2002 erhielt er den Fotoförderungspreis der Stadt Graz. Seine Arbeiten fanden inzwischen Eingang in die Artothek des Bundeskanzleramtes, in die Photosammlung Graz und in die Sammlung der Nationalgalerie Tirana.

ImageMaschinenwesen. Über längere Zeit beschäftigte er sich mit Autos, vorwiegend älteren amerikanischen Modellen, deren üppige Karosserien, Chrom und Lackierungen vordergründig als Motiv prädestiniert erscheinen mögen. Über eine einfache Spiegelkonstruktion, „mit der man über die Details des Bildes wandern kann", manipulierte Gross diese Fotografien aber und extrahierte symmetrische Elemente, beispielsweise aus Bereichen von Kühlern und Scheinwerfern, und konstruierte damit neue, irreale Körper, die an Maschinenwesen denken lassen. Wiederum wird der Computer nicht zur Bearbeitung, sondern allein zur Archivierung dieser mirror cuts eingesetzt – entsprechend der Intention, „nicht Computerkunst zu machen, sondern durch eine einfache mechanische Manipulation etwas zu schaffen, das einigermaßen real aussieht". Nach etlichen Ausstellungen der mirror cuts (Zagreb, Belgrad, Maribor, Joanneum Ecksaal u.a.), die als flying scopes auch wie fliegende Objekte im Bild erscheinen, legte Gross ein Spielkarten-Quartett der mirror cuts auf.

… ERGO sum. Im Verlauf des Vortrages gibt sich Gerhard Gross als Mitglied der über lange Zeit anonym operierenden gruppe ERGO zu erkennen. 1989 gegründet, sind die vier Aktionisten in ihren roten Overalls und schwarzen Vollvisierhelmen wohl einem größeren Publikum bekannt. Gross beschreibt die gruppe ERGO als „konspirativen Männerbund, der sich zum Ziel setzt, in einer philosophischen Provinz zu arbeiten". Ihre Auftritte gestalten sie in der Tradition von Happenings. Ihre Arbeitsweise erinnert auch an die Spontaneität der Situationisten, nämlich unangekündigt den öffentlichen Raum allein durch Anwesenheit zu verunsichern. Öffentlicher Raum wird zur Bühne und die vermeintlichen Akteure zum Publikum, während die Passanten aus Sicht von ERGO zu Akteuren werden. Die Umkehrung des Prinzips Akteur und Beobachter gipfelt im Paradoxon der Aktion unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Bierkontest. Nach streng formalisiertem Prozedere werden an ausgewählten Orten exotische Biermarken verkostet, kredenzt von einem geladenen Zeremonienmeister. Dem möglichen Erinnerungsverlust entgegnen ERGO allerdings durch Einsatz eines Filmteams, das den Kontest aufzeichnet und zur Rezeption für potentielles Publikum aufbereitet, beispielsweise der Film zum Bierkontest Nr. XI, der, wie schon andere zuvor, aufgrund Überforderung der Tester zu keinem auszuweisenden Ergebnis führte.
ImageImageEin jüngstes Fotoprojekt, das vor kurzem in Novi Sad ausgestellt war, trägt den Titel freeze frame. Der „Bild gewordene Alptraum meiner Nachbarn im Grenzbereich zum Voyeurismus" ist eine Serie von Aufnahmen nächtlich erleuchteter Fenster an Hausfassaden, hinter denen sich – so ist wohl anzunehmen, denn aus den Fotografien geht dies nicht hervor – Alltagsgeschichten zutragen. Die Bilder zeigen zwar Ausschnitte von Privatsphären, bleiben gleichzeitig aber anonym, nachdem sie weder die Identifikation von Personen noch Orten zulassen. Wie Filmstills lassen sie aber an ein Davor und Danach, an eine Erzählung, denken.

Weitere Informationen zu Gerhard Gross sind unter www.kulturserver-graz.at/v/gross.gerhard zu finden.
Wenzel Mraček

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