Bei einer von der Universitätsbibliothek Graz in Kooperation mit KORSO und dem Promedia-Verlag veranstalteten Buchpräsentation werden zwei Bücher vorgestellt, die sich dem vielfältigen Phänomen Anarchismus von zwei Seiten nähern: Von jener der Theorie(n) – und von der Seite der Biografie eines steirischen Anarchisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Ein Kompendium der Kritik am Parlamentarismus. Man muss nicht Anarchist sein, um
Gerhard Senfts scharfsinniger Diagnose der Schwächen des Parlamentarismus zumindest einen Kern an Wahrheit zuzumessen:
„Mit der Reduktion des demokratischen Prozesses auf eine reine ,Zuschauerdemokratie‘ werden Apathie und Indifferenz der Wählerschaft zu Grundbedingungen der politischen Stabilität. Demokratie wird zur Herrschaft von Eliten unter einer problembehafteten ,Zustimmung‘ des Volkes" schreibt Senft, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien, in seinem Aufsatz „Glanz und Elend des Parlamentarismus", der das jüngst erschienene Buch „Essenz der Anarchie. Die Parlamentarismuskritik des libertären Sozialismus" einleitet. Bei der Lektüre der darin versammelten Texte
– des Klassikers
Kropotkin, seines Adepten
Elisée Reclus, des lebensreformerisch engagierten
Raphael Friedeberg, des bekanntesten österreichischen Anarchisten
Pierre Ramus (i.e. Rudolf Großmann), des Münchener Schriftstellers und Mitglieds des Zentralrates der bayerischen Räterepublik
Erich Mühsam, des Syndikalisten
Rudolf Rocker und des pragmatisch orientierten
Helmut Rüdiger – fasziniert besonders das breite Spektrum an Positionen: Von einer radikalen Ablehnung aller repräsentativ-demokratischen Systeme, wie sie etwa bei Ramus zum Ausdruck kommt, bis zu einer dialektischen Betrachtung, die durchaus auch mal die Beteiligung an Wahlen ins Auge fasst (Rüdiger) reichen die dargestellten Standpunkte.
Ein steirischer Anarchist. Von der biografischen Seite her nähert sich
Reinhard Müller, Mitarbeiter des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich, dem Thema: Die Lebensgeschichte des
Franz Prisching aus Hart bei Graz (1864 bis 1919) zeigt die Entwicklung eines Arbeiters zum lebensreformerisch geprägten Anarchismus. Prisching, zunächst Sozialdemokrat, vereint in seiner Person alle Spielarten der Lebensreform: Er lehnt es zwar ab, als Tolstojaner bezeichnet zu werden (er sei lieber „Selberaner"), orientiert sich aber stark an den Vorstellungen des russischen Schriftstellers von einem gewaltfreien Anarchismus auf christlicher Grundlage, ist Tierschützer, über lange Zeit hinweg Vegetarier, Abstinenzler und radikaler Pazifist. Vor allem aber gibt er auf eigene Kosten über ein Jahrzehnt lang die Monatszeitschrift „Der g‘rode Michl – Parteilose Monatsschrift für allseitige Reform" heraus – über lange Zeit die einzige legal erscheinende anarchistische Publikation Österreichs.
Die Herausgeber bzw. Autoren Gerhard Senft und Reinhard Müller präsentieren die beiden Bände und stehen für eine Diskussion zur Verfügung.
Gerhard Senft (Hg.): Essenz der Anarchie. Die Parlamentarismuskritik des libertären Sozialismus. Wien: Promedia 2006.
Reinhard Müller: Franz Prisching. G’roder Michl, Pazifist und Selberaner. Verlag Graswurzelrevolution und Verlag Gemeinde Hart bei Graz, Nettersheim / Hart bei Graz 2006