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„Das hätten sich die SS-Schergen nicht träumen lassen“ – Terror und Erinnerung in Peggau
Archiv - Lokales
Montag, 10. April 2006
Image Foto: Hartmut Skerbisch schuf das neue Mahnmal in Peggau

„Als ehemaliger deutscher politischer Häftling, der ich im August 1944 von Mauthausen kommend das KLM Arbeitslager Peggau aufgebaut habe, ist es mir ein inneres Bedürfnis, Ihnen zu danken, und zwar habe ich von befreundeter Seite erfahren, dass Sie als spiritus rector für die Errichtung der Grabstätte und der Gedenktafel, der im dortigen KZ-Lager umgekommenen Kameraden, anzusehen sind.

[…] Die Toten haben nun eine Ruhestätte, die dazu angetan ist, doch wenigstens jetzt ruhig zu schlafen. Das hätten sich die damaligen SS-Schergen nicht träumen lassen." Das sind Zeilen aus einem Brief, den der ehemalige KZ-Häftling Kurt Kuhnert im September 1959 an den Bürgermeister von Peggau, Johann Glauninger, schrieb.

Image Foto: Exhumierungen 1946 außerhalb des Lagergeländes. Die Mehrzahl der Ermordeten wurde allerdings am Lagerfriedhof begraben.

Der beste Platz für eine unterirdische Fabrik.
Im Peggauer Ortsteil Hinterberg befand sich zwischen August 1944 und April 1945 das größte von acht steirischen Außenlagern des Konzentrationslagers Mauthausen. Dieses Lager wurde – wie Dr. Johann Seelmeier, Dozent an der Technischen Hochschule Graz, als Zeuge 1945 angab – deshalb hier errichtet, weil die rund zwei Kilometer entfernt gelegene Peggauer-Wand optimal für die Errichtung unterirdischer, bombensicherer Fabrikanlagen für die Steyr-Daimler-Puch AG geeignet war. Nachdem Grazer Geologen diese Wand als bestmögliche unterirdische Anlage empfohlen hatten, wurden am 14. August 1944 zirka 400 Häftlinge aus dem KZ Mauthausen geholt, um das Lager mit der Tarnbezeichnung „Marmor" zu errichten. Für die Bewachung des Lagers wurden mit dem Sonderbefehl Nr. 71 des Kommandos der Schutzpolizei am 12. August 1944 15 Schutzpolizisten und 45 ukrainische Luftschutz-Polizisten als Wachkommando von Graz weg abgestellt.
Die Häftlinge mussten in zwei Zwölf-Stundenschichten sieben Meter hohe und ebenso breite Stollen in den Berg treiben. Misshandlungen und teilweise willkürliche Erschießungen durch die ukrainischen Wachmannschaften durch das In-die-Postenkette-Treiben von Häftlingen waren auf der Tagesordnung. Allein in den ersten drei Monaten wurden 32 Häftlinge ermordet und ins Krematorium nach Graz überstellt. Das Morden ging – wie eine Zeugin berichtete – weiter bis zuletzt: „Im März 1945, als eine Kolonne KZ-Häftlinge zum Arbeitsplatz eskortiert wurde, befanden sich darunter zehn Häftlinge, deren Kleidung mit einem roten Punkt versehen waren. Ich fragte einen die Kolonne begleitenden Grazer Polizisten, was diese Punkte zu bedeuten hätten. Der Polizeibeamte antwortete mir, dass diese zehn Häftlinge am Vortage ausgebrochen seien. Sie seien aber wieder gefasst worden und müssten jetzt erschossen werden."

Arbeitsunfähige wurden erschossen. Als Anfang April 1945 das Lager auf Grund des Näherrückens der Roten Armee aufgelöst und die Häftlinge nach Mauthausen transportiert wurden, wurden die nicht mehr marschfähige Häftlinge aus dem Krankenrevier geholt und in der Nähe des Lagers, im jenseits der Straße gelegenen Luftschutzstollen, erschossen.
Bei Exhumierungen nach der Befreiung fand man in mehreren Gräbern in und um Peggau 77 Leichen, sodass man davon ausgehen kann, dass mindestens 100 Häftlinge des Lagers Peggau in nur sieben Monaten ermordet wurden. Hinzu kommen noch all jene, die, da sie nicht mehr arbeitsfähig waren, nach Mauthausen zurückgeschickt und dort aller Wahrscheinlichkeit nach ermordet wurden. Durch diesen ständigen Austausch schwankte daher die Zahl der KZ-Häftlinge in Peggau immer zwischen zirka 650 und 850.
Unter den bei der heutigen Gedenkstätte Bestatteten befinden sich auch mehrere ungarische Juden, die anlässlich des Todesmarsches durch die Steiermark Anfang April 1945 in der Umgebung von Peggau ermordet worden waren.

Nur wenige Täter wurden ausgeforscht. Bald nach den Exhumierungen fanden in Graz und in Dachau Prozesse gegen die Verantwortlichen des KZ Peggau statt. Während der Kommandant der Lagerwache, Franz Weber, im September 1946 vom Grazer Volksgericht zu 20 Jahren Kerker verurteilt wurde – das Urteil wurde später aufgehoben –, wurde der Lagerführer, Fritz Miroff, von einem amerikanischen Militärgericht am 26. November 1948 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Einige wenige erhielten zeitlich begrenzte Freiheitsstrafen, die meisten jedoch konnten nicht ausgeforscht werden.
Ein Jahrzehnt nach der Befreiung vom Nationalsozialismus waren jene, die für die Verbrechen verantwortlich waren, wieder auf freiem Fuß; die ehemaligen Nazis waren integriert in den politischen Parteien bzw. deren Vorfeldorganisationen. Erinnern oder erinnert werden an die Verbrechen der Nazis wollte da niemand mehr.
Dies zeigte sich auch zu Allerheiligen 1955 in Peggau, wo am Rande des ehemaligen Lagergeländes unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein Mahnmal enthüllt wurde.

ImageDenkmalenthüllung diesmal nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit. 60 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde im Frühjahr 2005 vom Land Steiermark ein künstlerischer Wettbewerb zur Neugestaltung der Gedenkstätte in Peggau ausgelobt, den der Künstler Hartmut Skerbisch gewann. (KORSO berichtete)
Am 24. März 2006 wurde die neu gestaltete Anlage offiziell enthüllt. Bundespräsident Dr. Heinz Fischer, Landeshauptmann-Stellvertreter Dr. Kurt Flecker, Vertreter des Mauthausenkomitees, des KZ-Verbandes und der Religionsgemeinschaften hielten Ansprachen. Dass diese Gedenkfeier, an der auch Vertreter aus mehreren Ländern sowie Angehörige der hier Bestatteten teilnahmen, erst im Jahr eins nach dem Gedenkjahr stattfand, hat seinen Grund darin, dass eine kurzfristig für 2. August 2005 geplante Enthüllung – die frühere Landeshauptfrau Waltraud Klasnic hatte damals zu einer „Neueröffnung des Konzentrationslagers" (!) geladen – auf Grund einer Protestnote des Mauthausenkomitees und des KZ-Verbands wieder abgesagt wurde. Sonst wäre diese ohne Rücksprache mit den Opferverbänden, dem Bundespräsidenten und LH-Stv. Dr. Kurt Flecker – dem Initiator der neuen Anlage – erneut unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgt.
Heimo Halbrainer

» 1 Kommentar
1"Interessant..."
am Donnerstag, 1. Januar 1970 00:33von Gast
gut recherchiert
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