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Luxus Essen: Preise steigen weiter
Samstag, 10. Mai 2008
titelbild mai 2008 Die Lebensmittelpreise explodieren – weltweit. In Österreich noch mehr als anderswo. Was bei uns für KleinverdienerInnen langsam zu einem massiven, ihre ohnehin gefährdete Lebensqualität weiter einschränkenden Problem wird, kann aber an anderen Orten dieses Globus Millionen Hungertote kosten. Fachleute nennen ein ganzes Bündel an Gründen für die Teuerung – vom erwachten Milchdurst der Chinesen und Inder über die Umwidmung von Anbauflächen für Biosprit bis hin zur Spekulation an den Terminmärkten für Getreide. Die offiziellen Voraussagen sind düster: Nach einer kurzfristigen Erholung sollen die Preise weiter steigen.

Beim bescheidenen Lebensmitteleinkauf im Supermarkt nebenan wird das Geldbörserl wesentlich schneller leer als noch vor wenigen Jahren. Eine Untersuchung der steirischen Arbeiterkammer, bei der je nach Kette die Preisentwicklung von 26 bis 59 Produkten zwischen Jänner 2002 und Jänner 2008 erhoben wurde, hat durchschnittliche Steigerungen zwischen 9,48% (Hofer) und 25,69% (Zielpunkt) ergeben; bei einzelnen unverzichtbaren Produkten liegt die Teuerung aber noch deutlich über diesen Werten: Bei Gebäck zwischen 30 und 40, bei Nudeln zwischen 48 und 87, bei Öl zwischen 30 und 65, bei Milch und Butter zwischen 21 und 40 Prozent.

Der Brotpreis stieg mehr als viermal so stark wie die Mindesttariflöhne. Besonders dramatisch sind die Anstiege innerhalb des letzten Jahres – laut Statistik Austria stiegen die Preise für Molkereiprodukte und Eier zwischen Februar 2007 und Februar 2008 durchschnittlich um 16%. Brot und Getreideerzeugnisse verzeichneten durchschnittliche Preissteigerungen von 11%; besonders auffällig ist die Teuerung bei Teigwaren (+37%). Bei den meisten Nahrungsmitteln liegt die Preissteigerung innerhalb des letzten Jahres deutlich über der allgemeinen Inflationsrate von 3,2%, für deren Höhe sie zu einem Drittel mit verantwortlich ist. Noch größer fällt der Abstand allerdings zur Lohnentwicklung aus: Die Tariflöhne sind im Jahr 2007 gerade um 2,9% gestiegen, die Mindestlöhne und -gehälter um 2,5%.

ÖsterreicherInnen essen hochpreisiger. Besonders auffällig: Die Preise liegen – nach einem Test der AK Wien – in Österreich zwischen 15% (Hofer/Aldi, Penny) und 19% (Lidl) höher als im Nachbarland Deutschland. Das exakt gleiche Produkt kann in Österreich um bis zu 100% mehr kosten. „Wir vermuten, dass hier alle – vom Produzenten über die verarbeitende Industrie bis zum Handel – die Gunst der Stunde der internationalen Entwicklungen genützt und noch eine kleine Spanne draufgeschlagen haben“, versucht Mag. Karl Snieder, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der steirischen Arbeiterkammer, den österreichischen „Sonderweg“ zu erklären. Schuld sein will allerdings niemand, „der Handel zeigt auf die Bauern, die Bauern auf die Molkereien, die Molkereien auf den Handel und alle zeigen mit der anderen Hand auf die internationale Rohstoffpreisentwicklung“, sagt der Wiener Ökonom Univ.-Prof. Dr. Karl Kollmann, Vize-Chef der Abteilung für Konsumentenpolitik der Wiener AK. Die Kammer hat sich wegen der eklatanten Preisunterschiede zu Deutschland bereits an die Bundeswettbewerbsbehörde gewandt, Ergebnisse stehen noch aus.

Die Erzeuger bekommen mehr – ein wenig. Gestiegene Erzeugerpreise können jedenfalls nur zu einem recht geringen Teil verantwortlich gemacht werden – am ehesten noch bei Produkten mit geringem Verarbeitungsgrad wie der Frischmilch. Immerhin erlösten die Bauern netto zwischen März 2007 (31 Cent/Liter) und Februar 2008 (42 Cent) um knapp ein Drittel mehr für ihre Arbeit mit dem lieben Vieh – die Preise sind in den letzten Wochen aber wieder gefallen.
Auch die Erzeugerpreise für Brotweizen sind kräftig gestiegen – von 160 Euro pro Tonne  im Juli 2007 auf 254 Euro im März 2008. Seitdem hat es allerdings eine gewisse Preiskorrektur gegeben, Ende April war der Preis wieder auf 207 Euro gefallen. Allerdings: Der Rohstoffkostenanteil am reschen Semmerl beträgt gerade 3%, sodass der gestiegene Weizenpreis nur für einen kleinen Anteil an der Preissteigerung des Gebäcks erklären kann. DI Winfried Eberl von der steirischen Landwirtschaftskammer weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass in den letzten zwei Jahrzehnten die Einnahmen der Landwirte gemäß dem Agrarpreisindex – wenn man 1986 mit 100 annimmt – zunächst stark gesunken seien und erst 2006 wieder das Niveau von 1986 erreicht haben. Allerdings ist der Index von Jänner 2006 auf Jänner 2007 massiv von 103,0 auf 115,9 emporgeschnellt.

Die Menschen essen nicht von einem halben Jahr aufs andere mehr Reis.
„Eine der treibenden Kräfte für den hohen Preisanstieg ist sicherlich die Spekulation auf den Derivatenmärkten“, sagt der Wiener Wirtschaftsforscher Dr. Stephan Schulmeister. Die Preise der Spotmärkte (also jener Märkte, auf welchen die Geschäfte mit dem realen Produkt gemacht werden) orientierten sich wie auch bei Rohöl an den auf den Terminmärkten gebildeten – also jenen Märkten, wo Optionen und Futures gehandelt werden, Wettscheine auf die zukünftige Preisentwicklung eines Produktes.
Die Vermutung, dass Spekulation im Spiel sei, lasse sich schon allein dadurch belegen, dass die Nachfrage nach Nahrungsmitteln unelastisch sei – „die Menschen essen nicht von einem halben Jahr aufs andere mehr Reis.“ Es habe zwar da und dort Missernten gegeben, das Angebot sei aber nicht substanziell eingebrochen. Wahrscheinlich sei, dass die „Hedge-Fonds nach den Einbrüchen auf den Immobilienmärkten nun das Casino gewechselt“ hätten und nun verstärkt in Commodity-Märkten, vor allem im Nahrungsmittelbereich, investierten.

Höhere Nachfrage nach Getreide-Futures als nach realem Getreide. In der Tat gibt es einige Hinweise darauf, dass Schulmeisters Analyse der Wahrheit nahe kommt. Während die Preise von Futures auf Getreide, die dem ursprünglichen Zweck der Absicherung des Produzenten gegen Preisschwankungen dienen sollen, sich letztendlich immer dem Preis des realen Produkts annähern, liegen sie derzeit weit darüber – so weit, dass Farmer wie Garry Niemeyer aus Illinois, der an die 900 ha in Auburn, Illinois, bewirtschaftet, darauf verzichten, ihre Oktoberernte heuer damit abzusichern, schreibt die renommierte Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg am 28. April dieses Jahres. „Die Nachfrage nach Getreide-Futures übersteigt die Nachfrage nach realem Korn“, bringt es Niemeyer auf den Punkt. Am Chicago Board of Trade, der weltältesten Terminbörse, sind die Fonds-Investitionen in Future-Kontrakte auf Mais, Sojabohnen und Weizen von Jänner 2006 bis heute um 66 Prozent gestiegen – alles deutliche Hinweise auf Spekualtionsgeschäfte. Die steigenden Preise für Futures treffen übrigens auch die Lebensmittelindustrie, die sich mit diesen Derivaten gegen steigende Preise absichern will.
Es würde reichen, die reinen Spekulationsgeschäfte mit einer Steuer von 0,1% zu belasten, um die an den Derivatenmärkten gehandelten Volumina zu reduzieren und so der Preistreiberei spürbar Einhalt zu gebieten, meint Schulmeister. Man könne statt dessen aber auch die Absicherungsfunktion der Termingeschäfte logisch weiterdenken: „Wenn sämtliche Verkäufe gegen Preisverfall und sämtliche Käufe gegen steigende Preise abgesichert werden sollen, landet man unweigerlich bei einem Rohstoffpreisabkommen – wenn sich die Situation weiter verschärft, wird man vielleicht auf dieses Instrument zurückkommen.“

Preistreiber Biosprit. Auch Schulmeister weist darauf hin, dass immer realwirtschaftliche Faktoren am Ursprung spekulativer Wellen stehen – im Fall der Lebensmittel geht ein starker Impuls von der Verarbeitung von Nahrungsmitteln zu Biosprit aus. George W. Bush hat das ehrgeizige Ziel formuliert, dass bis 2017 15% des in den USA verbrauchten Treibstoffs aus eigener landwirtschaftlicher Produktion stammen sollen. „Das bedeutet, dass die USA 310 Mio Tonnen Mais jährlich zusätzlich produzieren müssen“, erklärt Dr. Jacques Diouf, der Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO, gegenüber der Financial Times „Das entspricht ihrer jetzigen Gesamtproduktion und würde bedeuten, dass die Vereinigten Staaten, die jetzt die Hälfte der Weltproduktion an Mais erzeugen, zum Netto-Importeur würden“ - mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Preisentwicklung am Getreidesektor und in anderen Bereichen; Getreide ist ja auch ein wichtiges Futtermittel in der Tierhaltung. Darum ist Diouf auch davon überzeugt, dass sich die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel über eine Phase von höchstens zwei Jahren stabilisieren werden um dann weiter anzusteigen.
Analysen des IFPRI - des International Food Policy Research Institute – ergeben, dass die Preise für Mais und Ölsaaten bis 2020 um 26 bzw. 18% steigen werden, wenn die Industrieländer bei ihren Biosprit-Plänen bleiben. In einem längerfristigen Szenario könnten die Weltgetreidepreise bis 2050 um 30-40% und die Fleischpreise um 20 - 30% ansteigen, wenn die Regierungen keine einschneidenden Maßnahmen gegen den Klimawandel unternehmen.

Der Hunger kehrt wieder. Am stärksten betroffen von dieser Entwicklung sind die Armen in den Industrieländern, die bei stagnierenden Löhnen einen immer höheren Anteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben müssen - und an erster Stelle die Menschen in jenen Ländern, deren ursprüngliche Subsistenzwirtschaft durch den Welthandel ruiniert worden ist. Es ist kein Zufall, dass kein einziges Land Afrikas von den gestiegenen Lebensmittelpreisen profitiert - die Handelsbilanz aller Länder des Kontinents verschlechtert sich dadurch, zum Teil um über einen Prozentpunkt. In den Ländern mit den geringsten Pro-Kopf-Einkommen fließt auch dessen Großteil in die Beschaffung von Nahrungsmitteln - in Staaten wie Indien sind es im Durchschnitt 25%, im gerade von einer mörderischen Wetterkatastrophe heimgesuchten Burma 65%. Die Hungerrevolten in den ärmsten Staaten der Welt wie Haiti sprechen bereits eine deutliche Sprache. Hier ist zum einen Soforthilfe vonnöten - die UNO spricht von 485 Mio Euro, eine nahezu lächerliche Summe angesichts der Tatsache, dass jüngst ein Hedgefonds-Manager 3,7 Mrd Euro verdient haben soll. Zum anderen wird es gelten, die Pläne zur Verspritung von Nahrungsmitteln wieder rückgängig zu machen und statt dessen den Treibstoffverbrauch der reichen Länder auf das notwendige Minimum zu reduzieren – wenn wir unser Gewissen nicht mit Millionen Hungertoten belasten wollen. 36.000 täglich sind es schon heute.

Christian Stenner
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