Das nachhaltige Magazin für Graz und die Steiermark
Überwältigendes Buch
Mittwoch, 12. Dezember 2007
Bernhard Seiter: Elf Finger, Picus Verlag, 16,90 Euro.

Bernhard Seiter, Verfasser einiger Drehbücher und Mitbegründer der Filmzeitschrift „Ray", ist nicht nur ein besessener Filmfan. Seine jugendliche Außenseiter-Skepsis verbindet sich mit einer „sophisticated" Massenkultur. In „Elf Finger" setzt ein gar nicht brillanter Dreikäsehoch durch, dass er von seiner Babysitterin allein mit der U-Bahn zur gestressten Mutter reisen darf. Und da er natürlich an seinen Fingern die elf Stationen noch gar nicht abzählen kann, wird aus seiner dreißigminütigen Fahrt ein episches Roadmovie, umrankt und durchwoben von Alltagsstorys von Frauen, so einsam, dass es nicht einmal eine Katze bei ihnen aushält, von der panischen Mutter und ihren Männerbekanntschaften, von der letzten Begegnung eines Sohnes mit seiner Mutter, vom Kater Bruno, Killer und Opfer, dessen gebratenes Herz zuletzt einem in seiner Wohnung völlig Vereinsamten zum Überleben verhilft, von Aufreißern, Verwahrlosten und Überlebenden ganz allgemein.

Das könnte eine dieser Geschichten aus dem österreichischen Film sein, die den Betrachter völlig herunterholen. Aber Bernhard Seiter erzählt diese kleinen Geschichten eben genauso, als ob es große wären. Indem sie völlig ideologiefrei „einfach passieren", entsteht neben dem präzisen Wiener Kaleidoskop eine Art universeller Film-Vitalismus, der wiederum sehr amerikanisch wirkt. Bernhard Seiters Text ist mit minimalistischer Lakonik geschrieben und verzichtet auf jede Überwältigungsprosa. Auch darum ist „Elf Finger" ein ziemlich gutes Buch, das heißt besser als die meisten der „überwältigendsten Bücher" dieser Saison. Nur ob die locker gesetzten 125 Seiten tatsächlich einen Roman ergeben? Für Leser, die Abgeschmacktes fliehen.

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