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Künstlerische Kulturgeschichte des Sex
Dienstag, 11. September 2007
Julius Mende: Die sexuelle Welle. Zwischen Sinnlichkeit und Vermarktung. Bilder und Texte. Wien: Promedia 2007, 240 S., 19,90 Euro

Julius Mende, Maler, Pädagoge, 1991 bis 1994 Bundessprecher der KPÖ, nahm sich am 17. April 2007, gezeichnet von einer schweren Krankheit, das Leben. Wenige Monate vor seinem Tod hat der Wiener Promedia-Verlag ein Buch von Mende herausgebracht, das auch als Kulturgeschichte der Sexualität gelesen werden kann: Mende spannt dabei in seinen Bildern und Texten den Bogen von der verklemmten Nachkriegsepoche über die (angebliche) Befreiung der Sexualität in den Kommunezeiten der 1960er und 1970er Jahre bis zur zunehmenden marktwirtschaftlichen Zurichtungen von Körperbeziehungen in den vergangenen 25 Jahren.
Am Beginn steht der gequälte Mensch der 1960er Jahre, der in traditionelle Moral- und Herrschaftsstrukturen eingespannt ist. Trotz oder wegen seiner Kommuneerfahrungen kommt der Autor zu dem Schluss, dass selbstbestimmte Sexualität kaum lebbar sei. Am deutlichsten wird der Befund einer verdinglichten und amputierten Sexualität in den parodistischen Gummisexobjekten, die im Zusammenhang mit einer Großausstellung über Lernmaschinen 1970 an der Wiener Universität gezeigt wurden. Die Beschlagnahme durch die Polizei zeigte den AktivistInnen, wie schnell nicht-konforme Beschäftigung mit dem Thema Sex kriminalisiert werden konnte. Im Angesicht polizeilicher Repression entschied sich Mende für die Sozialarbeit. Das Thema Sexualität diente ihm dabei als Motor im Kampf gegen Zensurmaßnahmen.
Seine künstlerische und sexualpädagogische Beschäftigung kreist bei aller Zerfahrenheit um ein Zentrum: der Sehnsucht nach dem sexuellen Glück. Im Getümmel der Desformationen, die sexuelle Äußerungen in Werbung und Sexshops erfahren, sowie geprägt von diversen homo- und heterosexuellen Praktiken und Initiativen wittert der Autor einen Rest von Sinnlichkeit. Diesen versuchte er in seinen letzten künstlerischen Arbeiten, die nach seiner Pensionierung als Lehrer entstanden sind, zu erhaschen. Überdeutliche sexuelle Malereien begleiten diesen Lebensabschnitt. Sie zeigen starke Frauen, auch was ihre Leibesfülle betrifft, und stramme Schwänze. Die Akteure scheinen dabei dem Betrachter zuzuzwinkern, Sexualakrobatik wird nicht ohne Ironie gezeigt.

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