04 / 2001
 
Private Altersvorsorge: Ende der Euphorie?
 
 
Die Bundesregierung hat in den letzten Monaten verschiedene gesetzliche Maßnahmen getroffen, die auch dem/der NormalverbraucherIn die private Pensionsvorsorge schmackhaft machen soll. Durch die jüngsten Einbrüche an den Aktienmärkten haben aber viele Anleger, die eine Altersvorsorge via Fonds„sparen“ – letztendlich also zumindest zum Teil via Aktienspekulation – für ebenso sicher wie die öffentliche Sozialversicherung hielten, eine böse Überraschung erlebt.

KORSO wurden Klagen über Verluste von bis zu 50% des in den letzten beiden Jahren eingezahlten Kapitals zugetragen – bei den Banken will man von Beschwerden allerdings nichts gehört haben. Helmut Schotter von der Wertpapierabteilung der Raiffeisenlandesbank in Graz: „Ich kann mich erinnern, wie die Kunden beim Börsencrash 1987 in Viererreihen in der Bank gestanden sind, um sich zu beschweren. In der Zwischenzeit gab es an der Börse auch immer wieder Tiefs, wie jetzt wieder seit rund einem Jahr, doch meldet sich deshalb kaum ein Kunde bei uns.“ Auch bei der Grazer BAWAG weiß man nichts von Aufregung unter den Verlierern des großen Börsenspiels. Gerhard Pein von der Wertpapierabteilung: „Die derzeitige Phase der Aktienverluste dauert ja schon seit einiger Zeit an, so dass das Wissen darum bereits in den Köpfen der Kunden verankert ist und diese damit leben können.“ 

Banken haften für Beratungsfehler
Für Schotter begründet sich die „Kundenzufriedenheit“ auch in einer verbesserten und genaueren Beratungsleistung der Banken durch das vor drei Jahren beschlossene Wertpapieraufsichtsgesetz. Schotter: „Man muss jetzt dem Kunden alles sagen, was passieren kann. Vor 15 Jahren konnte man noch alles verkaufen.“ Jetzt muss der Kunde sehr genau befragt werden, um dessen „Riskoprofil“ zu erforschen. Falls sich Kunden, denen von Aktienkäufen abgeraten wird, trotzdem dafür entscheiden, müssen diese unterschreiben, dass sie über die Verlustchancen informiert wurden. Schotter: „Das Schlimme ist nur, dass viele Kollegen in anderen Banken das Gesetz in seiner ganzen Tragweite noch nicht verstanden haben.“ So ist es nämlich möglich, dass KundInnen bei Beratungsfehlern die Banken auf Schadenersatzleistung verklagen und auch die BeraterInnen selbst für eine nachgewiesene Fahrlässigkeit privat zu einer Verwaltungsstrafe von bis zu 100.000 Schilling verurteilt werden können. Schotter: „Wenn das alle Kollegen wüssten, dann würden einige den Mund nicht so voll nehmen und den Kunden so viel versprechen.“
Der Umstand, dass es in Österreich bisher erst drei bis vier Fälle gab, in welchen Kunden vor Gericht gingen und diese Verfahren auch gewonnen haben, führt Schotter vor allem darauf zurück, dass die Situation an den Aktienmärkten in den letzten Jahren (abgesehen von der neueren Entwicklung) so gut war, dass sich niemand beschweren musste.

Psychotest als Werbemasche
Trotz der strengen gesetzlichen Regelungen ist es für KonsumentInnen teilweise sehr schwierig, die gewünschte Sicherheit für die Entscheidung zu gewinnen, ob man sich zur Pensionsvorsorge mit Fondssparen entscheiden soll. Das zeigt eine Recherche von KORSO auf verschiedenen Internetportalen österreichischer Banken. 
So findet sich etwa auf der Homepage der Raiffeisen-Kapitalanlage-Gesellschaft, die übrigens als beste Fondgesellschaft Österreichs ausgezeichnet worden ist, ein Psychotest zur Feststellung des „Fondstyps“ des Kunden. 
Beantwortet man die gestellten Fragen in der Art, dass man sich als absoluter Laie in Wirtschaftsdingen und als überängstlicher Spartyp darstellt (der im Sparbuch die sicherste Geldanlage sieht und sich bei Geldanlagen einen sicheren Ertrag bei möglichst geringem Risiko wünscht), wird man mit Erstaunen feststellen, dass auch solchen Personen empfohlen wird, sich für eine private Pensionsvorsorge via Fonds zu entscheiden.
Noch erstaunlicher ist, dass man einem Menschen, der laut Psychotest „keine unliebsamen Überraschungen“ wünscht und sich laut Testergebnis von einer Geldanlage erwartet, „dass sie unkompliziert ist und den nötigen Sicherheitspolster für die Zukunft verschafft“ einen „maßgeschneiderten“ Fonds empfiehlt, dessen „Performance“ seit Beginn 2000 (bis zum 3. 4.  2001) ein Minus von 3,6% ausweist. Ob die betroffenen KundInnen sich mit dem lapidaren Satz „Performancezahlen beziehen sich auf die Vergangenheit und haben keine Aussagekraft über die künftige Wertentwicklung eines Fonds“ zufrieden geben, sei dahin gestellt.

Kursverluste bei 90% der Fonds
Auf der Homepage der Hypo-Bank wird ebenfalls versprochen, dass das „Fondssparen bequem ist wie ein Sparbuch“ und dass „das Risiko durch gezielte Streuung der Anlagen auf ein Mindestmaß reduziert wird“. Obwohl man angeblich auch mit kleinen Beträgen ein beachtliches Vermögen ansparen kann, können von den angeführten 70 Fondstiteln lediglich rund 10% innerhalb der letzten 12 Monate mit einer positiven Entwicklung aufwarten. Die eingefahrenen Verluste machen teilweise bis zu 66% des ursprünglichen Wertes aus. Um hier langfristig noch auf einen attraktiven Durchschnittskurs von plus 10% zu kommen, der einem bei einer Laufzeit von 10 Jahren und monatlich eingezahlten 1000 Schilling rund 81.000 Schilling Zinsen (exklusive Spesen und Steuern) verspricht, müssen die Kurse in Zukunft wohl kräftig anziehen.
Dazu befragt, meint Peter Galler, Leiter der Abteilung für Wertpapierhandel der Hypo-Bank in Graz, dass KundInnen durch sinkende Aktienkurse zum Teil sicher abgeschreckt seien. Andererseits sei es von Vorteil jetzt einzusteigen. Galler: „Es lässt sich nichts Generelles über Fonds sagen. Dazu muss man sich immer genau ansehen, was der Kunde geneigt ist zu riskieren.“ Jedenfalls habe sich, so Galler, der Kundenstock im Bereich Fonds erhöht, wobei der ansteigende Trend auch durch eine negative Performance nicht gebrochen werde. 
 

Sind die Kunden einfach nur zu gierig?
Größere Sorge als die Aktienverluste macht den Anlageberatern offenbar die angebliche Gier der Anleger. Pein: „Bei der Pensionsvorsorge und einer langfristigen Vertragsdauer machen diese Kursschwankungen sicher weniger aus, da man ja permanent ankauft und anspart. Leider denkt der normale Kunde zu kurzfristig. Bei zu vielen Leuten herrscht die Gier nach schnellen Gewinnen vor.“ Auch bei der Raiffeisenlandesbank weiß man von einer Vielzahl solcher Kunden zu berichten. Schotter: „Die logische Grenze ist eine Mindestvertragsdauer von rund 10 Jahren. Wenn jemand im Freundeskreis hört, dass einer mit Aktien einen riesigen Gewinn gemacht hat, dann will er den auch in kürzester Zeit haben. Der kommt dann mit seiner Gier nach hohen Gewinnen, was aber ein komplett falsches Motiv für das Fondssparen ist.“
 

Banken-Experte Univ.-Ass. Dr. Roland Mestel: „Investmentfonds können nur eine zusätzliche Säule der Altersvorsorge sein”

„Pension nicht von Investmentfonds abhängig machen“
Insofern scheint die Euphorie, sich mittels Fonds „ein Vermögen“ (wie es in Bank-Prospekten heißt) zur Alterssicherung ansparen zu können, doch etwas übertrieben zu sein. Univ.-Ass. Dr. Roland Mestel vom Grazer Universitätsinstitut für Banken und Finanzierung: „Ich persönlich würde meine Pension nicht von einem Investmentfond abhängig machen.“ Man solle nicht davon ausgehen, dass die private Altersvorsorge die staatliche ersetzen könne. Auch in Zukunft würden Investmentfonds lediglich eine zusätzliche Säule der Altersvorsorge darstellen. Selbst dann sollte man sich nur auf relativ sichere Fonds mit einem Aktienanteil von maximal 30 bis 40% einlassen. Aber, so Mestel: „Ich würde jedenfalls eine Fonds-Anlage in meine Altersvorsorge integrieren.“ Die Sicherheit dieser zusätzlichen Vorsorge sei dann zwar nicht für die Grundversorgung  – weder für das Brot allein noch für die Butter drauf – ausreichend, „sondern für das, was auf die Butter draufkommt“. Ähnlich wie die von KORSO befragten Bankexperten meint auch Mestel, dass für den Normalverbraucher Aktien lediglich als langfristige Anlage mit einer Laufzeit von mehreren Jahren sinnvoll werden. Und: „Wer sein Geld an einem bestimmten Stichtag braucht, dem ist ebenfalls von dieser Variante abzuraten. Wenn die Kurse gerade im Keller sind, schaut er durch die Finger.“
Dabei ist für all jene, die sich erst jetzt als 40-Jährige für eine private Altersvorsorge via Fonds entscheiden, der Zug beinahe abgefahren. Schotter: „Wer etwa in sechs Jahren in Pension gehen will, dem würde ich von Aktien abraten. Die verpasste Zeit lässt sich nur mit hohen Beträgen aufholen. Als 40-Jähriger komme ich bei monatlich 1000 Schilling nach 20 Jahren nur mehr auf eine monatliche Rente von 2900 Schilling. Die Empfehlung ist daher möglichst früh anzufangen und nie aufzuhören.“

Pensioninvestmentfonds – „ein gänzlich verhunztes Instrument“
Misslungen scheint jedenfalls der Versuch der Bundesregierung, die private Pensionsvorsorge durch eine staatliche Förderung von eigenen „Pensionsinvestmentfonds“ anzukurbeln. Zur neuen Steuerpolitik der österreichischen Bundesregierung zählt nicht nur die Besteuerung von Unfallrenten oder die Einführung von Studien- und Ambulanzgebühren, sondern auch die steuerliche Begünstigung der Börsenspekulation. Neben die Abschaffung der Börsenumsatzsteuer und der Erbschaftssteuer für Aktien trat im Rahmen der „Kapitalmarktoffensive“ auch eine staatliche Prämie für Pensioninvestmentfonds. Daran kann Mag. Karl Snider, stellvertretender Vorsitzender der steirischen Arbeiterkammer, allerdings nichts Positives finden: „Kein vernünftig denkender Mensch investiert in dieses total verhunzte Instrument.“ 
 

AK-Vize Mag. Karl Snider: „Kein vernünftiger Mensch investiert in 
Pensions-Investmentfonds“

Sniders Meinung wird auch von den Bankexperten geteilt. Schotter: „Die Pensionsinvestmentfonds sind eine Totgeburt und wir raten den Kunden davon ab. Zum einen ist die staatliche Vergünstigung äußerst gering und zum anderen überwiegen die Nachteile für den Kunden.“ Denn während der ganzen Ansparzeit gibt es keinen Zugriff auf das Kapital, da die versprochene Monatsrente erst mit einem gültigen Pensionsbescheid oder mit Erreichung des gesetzlichen Mindestpensionsalters genossen werden kann. Und im Unterschied zu einer freiwilligen Höherversicherung im Rahmen der gesetzlichen Pensionsversicherung haben Kinder keinen Anspruch auf eine Waisenrente aus dem veranlagten Vermögen, wenn der Anspruchsberechtigte nach Pensionsantritt verstirbt. 

Aktiengewinne zu Lasten von ArbeitnehmerInnen?
Für Markus Koza, Mitglied des Beirates für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen (kurz BEIGEWUM) zeigt sich an der Diskussion rund um die Pensionsvorsorge daher „sehr schön der Paradigmenwechsel von einem neoliberalisierten Wohlfahrtsstaat hin zu einem neoliberalen Wettbewerbsstaat. Das staatliche Pensionssystem wird vollkommen krankgeredet und die präsentierte Lösung ist, dass die Pensionsbeiträge öffentlich nicht mehr erhöht werden dürfen, dafür aber von den einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft verlangt wird, dass sie eine private Pensionsvorsorge eingehen, die sozusagen als neue Sparform angepriesen wird.“ Dadurch, so befürchtet Koza, werde der Druck jedoch lediglich „von den gewinnorientieren Finanzmärkten direkt auf die ArbeitnehmerInnen weitergegeben. Der Arbeitnehmer versichert sich privat und damit die Pensionsvorsorge künftighin für ihn noch gewährleistet werden kann, ist er gezwungen, einerseits mehr Druck am Arbeitsplatz hinzunehmen und dem Abbau von Sozial- und Arbeitszeitnormen zuzustimmen.“ 

Sichere Vorsorge durch irrationale Finanzmärkte?
Letztendlich muss jedem, der via Aktienanlagen für die Pension vorsorgen will, eines klar sein: Er macht damit seine persönliche soziale Sicherheit im Alter abhängig von der Entwicklung der globalen Finanzmärkte, die sich schon lange von der Entwicklung der Realwirtschaft abgekoppelt haben und deren Akteure oft völlig irrational reagieren. Finanz-Experte Mestel: „Der Wert eines Unternehmens wird davon bestimmt, wie ein Investmentfondsmanager ihn sieht.“ Und diese Bewertung hat wenig mit der realen Performance zu tun: Während etwa die „dot.coms“ der „New Economy“ zum Teil um mehrere hundert Prozent überbewertet waren (was den Fonds, die massiv in diesen Sektor investiert hatten, jetzt gewaltige Verluste beschert hat), können gleichzeitig die Aktien von Unternehmen, die gute Leistungen aufweisen, an Wert verlieren: „Die ErsteBank hat unlängst das beste Jahresergebnis ihrer Geschichte verkündet; am gleichen Tag ist der Kurs der Aktie um 3% gefallen.“ Mestel hofft dennoch darauf, dass es sich bei den jüngsten Einbrüchen um ein „reinigendes Gewitter“ gehandelt habe: „Die überbewerteten Titel der New Economy werden jetzt auf ihren realen Wert zurückgestutzt, und die Fondsmanager werden strenger selektieren und sich vermehrt auf bewährte Aktien der Old Economy stützen, auch wenn diese weniger Rendite versprechen.“

Ein ausführliches Interview mit Mag. Claudia E. Frieser, Leiterin der Wertpapierabteilung der Steiermärkischen Bank und Sparkassen AG finden Sie hier.

Joachim Hainzl, Christian Stenner
 

 

 
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