05 / 2002
  Graz 2003: Kultur der leeren Kassen?

Neun Monate vor Beginn des Kulturhauptstadtjahres beginnt die Stadt Graz die Förderungen für unabhängige Kulturinitiativen massiv zu kürzen. 2003 kommt für viele freie KünstlerInnen „wie eine kulturelle Dampfwalze daher, Graz vergleicht sich in einem Werbespot mit New York anstatt regionale Kultur zu fördern“ (Rezka Kanzian, Werkraumtheater). Bei einer Podiumsdiskussion stellten sich die KultursprecherInnen der Grazer Stadtparteien der Kritik der Kunstschaffenden, die sich fragen, wie es nach 2003 weitergehen soll.

Anne-Marie Leb (ÖVP) bekannte sich grundsätzlich zur Unterstützung der innovativen „Freien“ („Das Experiment muss gefördert werden“), traf mit ihren konkreten Ratschlägen („Die Szene soll sich doch überlegen, wie sie die neuen tollen Bauten nach 2003 erobern kann“) im Publikum aber eher auf Unverständnis: „Sollen wir sie für 3000 E am Tag mieten?“ Woher nach 2003 das Geld für die laufenden Kosten der neuen Bauten – Stadthalle, Kunsthaus, Helmut-List-Halle, Murinsel etc.) kommen soll, ist mehr als ungewiss. Anton Lederer, Obmann des Kunstvereins Rotor, rechnet mit durchschnittlich 8,7 Mio E pro Jahr. Gemeinderätin Elke Kahr von der KPÖ ist überzeugt, dass mit dem Verkauf der Stadtwerke dieses Geld hereingebracht werden soll. Für sie fördert 2003 hauptsächlich Marketing und Tourismus, „es geht kaum um Inhalte und Kunst, die Kritik übt und damit Utopien entwirft. 2004 werden wir leere Kassen haben.“

360.000 € weniger für Kulturvereine …

Da die Budgetsituation der Stadt bereits jetzt angespannt ist, bekommen alle Kulturvereine lediglich 85% des ihnen bereits zugesagten Geldes, die restlichen 15% sollen später ausgezahlt werden. Für die 20 freien Theatergruppen in Graz, die von der Stadt Graz 10 Millionen S und vom Land 5 Millionen pro Jahr bekommen, bedeutet das 1,5 Millionen S weniger. Dazu kommt, dass es in Graz keinen Veranstaltungsort mehr gibt, wo die freien Gruppen, die kein eigenes Haus haben, zu leistbaren Bedingungen spielen könnten. Hermann Candussi (Grüne) und Ilse Reinprecht (SPÖ) traten für eine Öffnung der großen Häuser – der Oper und des Schauspielhauses – zu einem akzeptablen Preis für die freie Szene ein. Leb verteidigte den Sparkurs, „der alle betrifft, auch die Vereinigten Bühnen müssen mit Kürzungen zurecht kommen, sie erhalten nur mehr 40% des Kulturbudgets“. Obwohl etwa das Schauspielhaus allein 35 Millionen pro Jahr (von Stadt und Land) bekommt, hält Andrea Dörres von der Plattform „Das andere Theater“ es nicht für sinnvoll, wenn freie Gruppen und Schauspielhaus gegeneinander agieren. „Längerfristig geht es darum, Synergien zu bilden, damit das breite Angebot für alle am Theater Interessierten erhalten bleibt.“

… 730.000 € für’s Café Sacher

Es wird aber nicht überall gespart: Allein die Summe, die Graz für die Adaptierung des Erdgeschosses jenes Hauses am Hauptplatz ausgegeben hat, in welches das Café Sacher einziehen wird, ist doppelt so hoch wie die Einsparungen, die durch die Subventionskürzungen bei den Kulturvereinen erzielt werden (360.000 E, die Adaptierung hat 730.000 E gekostet). Während Helge Endres (FPÖ), Vorsitzender des Kulturausschusses des Gemeinderates, den anwesenden KünstlerInnen erklärte, dass „der steinige Weg der richtige“ sei, schlug Candussi ihnen vor, 2003 in einen 8-wöchigen Generalstreik (das sind genau 15% des Jahres) zu treten – ein Vorschlag, der von Leb heftig abgelehnt wurde: „Ich bin nämlich gegen Gewalt“. Ilse Weber (ISC Labor) fasste die Situation so zusammen: „Die verantwortlichen PolitikerInnen hören nicht zu, es gibt keine Auseinandersetzung.“ rs

 


 
MAI-AUSGABE
KUNST /KULTUR / 2003