04 / 2002
  DIAGONALE: Eine Zäsur zeichnet sich ab

Der steirische Filmschaffende Willi Hengstler ("Fegefeuer", "Tief oben") präsentiert seine Sicht der heurigen Diagonale.

In Heddy Honigmanns "Metal and Melancholy", einem Film über Menschen, die sich in Lima als Taxichauffeure durchschlagen, war zu erfahren, dass Leichengeruch tagelang in den Nasenhärchen hängen bleibt und man den Gestank erst loswird, wenn man sich mit einem Tuch voll des eigenen Körpergeruchs schnäuzt – ein interessanter Tipp in Zeiten wie diesen. Die Filme der holländischen Regisseuse, der die diesjährige Hommage galt, erinnerten mit ihrem realistischen Humanismus  an ein selten gewordenes Kino ohne Extreme.
Gleiches lässt sich über "Bellaria – so lange wir leben" von Douglas Wolfsperger sagen. Sein Film über das berühmte Wiener Kino und dessen bejahrte Fans besticht dank der hervorragenden Arbeit von Helmut Wimmer durch visuelle Brillanz. Mit Nikolas Geyerhalters "Elsewhere" und Johannes Holzhausens  "Auf allen Meeren" eines der drei Highlights der aktuellen Dokumentarfilmproduktion.
Von einer Pflichtübung des österreichischen Filmschaffens ist die Diagonale dank Christine Dollhofer und Constantin Wulff zu einem reich strukturierten Festival geworden, auf dem international erfolgreiche Produktionen wie Ulrich Seidls "Hundstage" oder Michael Hanekes "Die Kavierspielerin" neben cineastischer Grundlagenforschung wie "Tribute Gustav Deutsch" oder solitären Entwürfen a la "Richtung Zukunft durch die Nacht" Jörg Kalts zu sehen sind. 
"Gebürtig", der Eröffnungsfilm von Schindel/Stepanik, war hinsichtlich der Holocaustthematik am letzten erzähltechnischen Stand, handwerklich und schauspielerisch überzeugend. Etwas mehr Drive in der Geschichte über die an ihrem Überleben leidenden Nachgeborenen und "Gebürtig" wäre vielleicht nicht nur ein sympathischer und wichtiger, sondern auch großer Film geworden. 
"Im toten Winkel", das Interview mit Traudl Jung, der mittlerweile verstorbenen Sekretärin Hitlers, von Andre Heller/OthmarSchmiderer befasste sich ebenfalls mit diesem Thema, das österreichischer Befindlichkeit anscheinend unauslöschbar eingeschrieben ist. Auch in "Zur Lage" – die  Gemeinschaftsdokumentation von Glawogger, Albert, Sturminger, Seidl – stimmt diesbezüglich unbehaglich. Formal besticht neben Seidl vor allem Glawoggers Beitrag: In immer der gleichen Kameraeinstellung lässt er Kraftfahrer räsonnieren, die ihn auf seiner Autostoppfahrt mitgenommen haben: genial-einfache Versuchsanordnung, visuell atmosphärisch.
Eine Sensation waren die Filme mit/von der berühmten Avantgardefilmerin Maya Deren – Klassiker, die in Graz noch nie zu sehen waren. Martina Kudlaceks Filmbiografie verwendet neben eigenem auch großzügig Material von Maya Deren, könnte aber etwas redaktionelle Engführung vertragen.

Die Preisträger
Leichter hatte es da Egon Humer mit seinem Film "Mosaik im Vertrauen" über den noch lebenden Amos Vogel. Die aus Wien geflohene Legende gründete das "Cinema 16" und war erster Direktor des New York Film Festival. Humers Film mit Vogel als erzählendem Kollaborateur ist weniger aufwändig, als Kudlaceks Arbeit, besticht aber durch Leidenschaft, Reflexion und Witz. Verdienter Preis der Diözese Graz-Seckau.
"Nogo" von Sabine Hiebler/Gerhard Ertl verbindet in kühlem Minimalismus drei Handlungsstränge um ebenso viele Paare. Der Film verdient seinen Preis für eine innovative Produktion. Verdient hat auch Michael Palm den Preis "innovatives Kino" für „Sea Concrete Human“, eine raffiniert-reduzierte "science faction story" über den Untergang bzw. die Mutation der Menschheit.
Zumindest bizarr war der  Große Diagonale-Preis für  "Jedermanns Fest". Fritz Lehners Mysterienspiel, das einen zweiten Blick durchaus verdient, befindet sich  – neben Hanekes "Die Klavierspielerin" oder auch Schindel/Stepaniks "Gebürtig" auf einem  filmästhetischen "Hüben", dem "drüben" Filme wie Seidls "Hundstage", Derflingers "Vollgas", Barbara Gräftners "Mein Russland", Jessica Hausners "Lovely Rita" oder Weingartners "Das weiße Rauschen" gegenüberstehen. 
Die Bedeutungen der erstgenannten Filme (hüben) hängen stark an inhaltlichen und dramaturgischen Figuren, die von ihnen unabhängig existieren (Holocaust, Sadomasochismus, Vanitas). Die Filme der anderen Gruppe (drüben) sind unvermittelter, ihr Ideenhorizont enger. Sie repräsentieren weniger Ideen als eine Realität, die sie gleichsam abtasten. Typisch für sie ist die Kombination von flexibler Videotechnik und intensivem Spiel. In ihren besten Augenblicken transzendiert der krude Realismus, in ihren schlechtesten erinnert er an aufgeregte Fernsehspiele. Einen dieser Filme zusammen mit Lehners Riesenproduktion zu prämieren – das hätte der Zäsur im österreichischen Film, die sich auf dieser Diagonale deutlich abzeichnete, eher entsprochen.


 
APRIL-AUSGABE
KUNST /KULTUR / 2003