korso Editorial
Das Informationsmagazin 
der Steiermark
 
07/2005
     
    Biedermann, Bürgermeister, Brandstifter
   


Türken-Bashing ist angesagt. Offenbar gewinnt die nächsten Wahlen, wer sich deftiger über die Menschenrechtsverächter am Bosporus äußert. Wer sich angesichts solcher Ausfälle möglichst ruhig verhält, verliert zumindest keine Stimmen. Wenn das in der Tat die aktuelle politische Großwetterlage sein sollte, muss der Bürgermeister einer Stadt, in der viertausend Menschen türkischer Herkunft leben, sich um Klarstellungen bemühen. Er muss darauf bedacht sein, dass die Debatte um den EU-Beitritt der Türkei – in Wirklichkeit ohnehin ein bloßer Schattenboxkampf, der die eigentlich zu führende Diskussion um den neoliberalen Gehalt der EU-Politik verdunkelt – nicht eine gefährliche Schlagseite bekommt, die sich gegen die hier lebenden MigrantInnen richtet. Wenn er sich stattdessen zum Wortführer der Stammtische macht und mit Bildern aus der Zeit der Türkenkriege Vorurteile schürt (wir wollen ja von der islamischen Welt auch nicht als direkte Nachfolger der sengenden und mordenden Kreuzritter betrachtet werden), hat er damit deutlich gemacht, dass er nicht mehr Bürgermeister aller GrazerInnen sein will, sondern Oppositionsführer einer Gruppierung am rechten Rand. Aus Angst, sie könnten selbst der politischen Todsünde der Turkophilie überführt werden, verwehren ihm seine eigene Partei, SP und KP allerdings hartnäckig die Verwirklichung dieser neuen Karriere.

Die einzige, deren Zurückhaltung in dieser Frage wir zwar bedauern, aber verstehen können, ist jene Grazer Gemeinderätin und Intellektuelle türkischer Herkunft, die wesentlich glaubwürdiger die europäischen Werte der Aufklärung vertritt als diverse reinrassig steirische SchwätzerInnen in der Gemeindestube, deren Potenzial gerade mal zur fehlerfreien Bedienung eines Spatens bei diversen Eröffnungszeremonien reicht.

Christian Stenner

 

ROBIN HUT Briefe aus Absurdistan 4. Brief: Juni 2005
Wohnzimmer-Stratege


 

Hallo, lieber Freund!

Ich weiß, du hoffst heimlich, mir ginge einmal der Stoff aus für meine Briefe aus Absurdistan. Aber weit gefehlt! Oder fändest du es nicht absurd, wenn Frank Stronach, als Besitzer des weltweiten größten Automobilkonzerns, plötzlich gegen die Autoindustrie vom Leder zöge? Unvorstellbar auch, dass Walter Schachner, Osims legitimer Nachfolger als der Grazer Fußballtrainer, plötzlich wider den Fußball spräche. Und was hieltest du davon, wenn der Bürgermeister der Stadt der Menschenrechte diese plötzlich zur Hauptstadt der Intoleranz ausriefe?

Ganz ehrlich, wenn du es nicht schon wüsstest, welche der drei Varianten erschiene dir am unwahrscheinlichsten? Vielleicht entsagt Frank Stronach wirklich einmal dem Unternehmertum, verkauft um Milliarden Euro seine Firma und kritisiert dann die Schwachstellen der Autoindustrie, die er, ebenso wie ihre Stärken natürlich, kennt wie kaum ein anderer. Um seiner Tochter Belinda in ihrer politischen Karriere zu helfen, zum Beispiel?

Oder die immer heftigeren Ausschreitungen auf den Fantribünen der Fußballstadien nehmen so zu, dass Walter Schachner als Donawitzer Stahlbua die soziale Kluft gegenüber den VIP-Klubs auffällt und er deshalb beginnt, den ganzen Fußballzirkus in Frage zu stellen. Wer weiß?

Oder die steirische ÖVP kommt in ihrem verzweifelten Landtagswahlkampf auf die Idee, dass da in Graz durchaus schon immer ein ordentliches Rechtswählerpotenzial zuhause war. Und dann darf der Grazer ÖVP-Bürgermeister die Sau rauslassen, wie es so schön auf steirisch heißt: Zuerst eine überraschende Attacke gegen die Schwulen und Lesben. Das Schöne dran allerdings ist, die können sich selber wehren. So deppert ist unsere Gesellschaft nicht mehr, dass jemand wegen seiner sexuellen Ausrichtung nicht auch in gute Positionen kommen kann, wenn sie/er gut im Job ist.
Dann wird die „Mobilisierungsfähigkeit“ jener Grazerinnen und Grazer gelobt, die schon in NS-Zeiten dabei waren. Und wer sich sonst halt noch angesprochen fühlen will, vom smarten Herrn Bürgermeister und seiner Partei, dem kann man’s halt auch nicht verbieten.

Und jetzt, drei Monate vor dem entscheidenden Tag der größten Abwehrschlacht der Macht gewohnten steirischen Volkspartei, zu jener Zeit, wo Medienprofis Sommerthemen setzen, teilt er den Türken mit, dass „wir“ sie nicht in unseren Wohnzimmern wollen. So geht das halt, wenn die Wahlkampfstrategen der Frau Klasnic die Politik machen, meinen die ironischen Stimmen.

Dazu mein offener Brief an den Grazer Bürgermeister Nagl:
Ich möchte Sie sehr bitten, nicht mehr „wir“ zu sagen in Ihrer Funktion als leider auch mein Bürgermeister. Für mich sprechen Sie nämlich nicht mehr. Und für Zehntausende Menschen ausländischer Abstammung, die auch Grazer Bürger sind, sicher auch nicht. Jetzt ziehen wir noch die tausenden schwulen und lesbischen Menschen in der Stadt ab und alle die, die noch wissen, dass die NS-Herrschaft ein Gräuelregime der Intoleranz war. Ich verstehe, dass Sie nach den zwanzig- oder dreißigtausend rechten Wählerstimmen in Graz fischen wollen. Aber das Recht, für die Mehrheit der Grazerinnen und Grazer (die Sie ohnehin nie gewählt hat) zu sprechen haben Sie damit wohl verspielt.
Mit der Bitte über die möglichen Konsequenzen nachzudenken
Verbleibt Ihr

Robin Hut

 

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