06 / 2000
  Kostenwahrheit am Energiesektor


Auch wer seine Strom- und Ölrechnung bezahlt hat, bleibt den Ausgleich für Schäden, die durch die Energienutzung entstehen, schuldig. Ein Workshop des steirischen Landesenergievereins soll nun Österreichs geistige Kräfte zur Ermittlung der so genannten externen Kosten der Strom- und Wärmebereitstellung bündeln.

Wer ins Kino geht, kauft selbstverständlich eine Eintrittskarte, wer aber Frischluft im Automotor zur Benzinverbrennung einsetzt, bekommt diese gratis. Die Kosten der so genannten externen Effekte der Energienutzung (Gesundheitsschäden, Zerstörung der Natur, Klimaveränderungen und Unfallrisiken) werden nicht vom Verursacher, sondern von der Allgemeinheit und zum Teil auch erst von künftigen Generationen getragen. „Ziel des Workshops ist es, den Weg zur Ermittlung der tatsächlichen Energiekosten zu ebnen“, erklärt Gerhard Ulz, Geschäftsführer des Landesenergievereins Steiermark, der das Expertentreffen veranstaltet. Das Treffen ist nur der Auftakt für ein Projekt zur Erstellung eines österreichischen Berechnungsmodells der externen Kosten der Strom- und Wärmebereitstellung.
In der Schweiz existiert ein derartiges Modell bereits, „für Österreich gibt es vorerst nur das Rohmaterial über die externen Effekte und das Expertenwissen über monetäre Bewertungsmöglichkeiten“, weiß der steirische Landesenergiebeauftragte DI Wolfgang Jilek, der als Projektleiter diese geistigen Kräfte bündeln will.

Gerhard Ulz, LEV (l.): Weg zur Ermittlung der tatsächlichen Energiekosten ebnen Landesenergiebeauftragter DI Wolfgang Jilek: Expertenwissen ist vorhanden

Schweiz als Vorbild
Damit das Rad nicht neu erfunden wird, werden die Autoren der zwei Schweizer Studien zur Ermittlung externer Kosten, Walter Ott von ECONCEPT und Dr. Markus Maibach vom INFRAS-Institut, ihre Erfahrungen in den österreichischen Prozess einfließen lassen. Dass es sich bei externen Kosten für Strom- und Wärmeversorgung nicht um peanuts handelt, zeigen Maibachs Berechnungen: Jährlich fallen 2,6 bis 3,9 Milliarden Franken an, noch ohne Berücksichtigung der Abfallentsorgung aus Atomkraftwerken.
Exakte Zahlen für externe Kosten wird es allerdings nie geben – darüber sind sich die Experten einig. „Bei derart komplexen Schadensmechanismen kann man nur zu Schätzgrößen gelangen“, betont Maibach. „Aber auch wenn man bei Investitionsevaluationen die niedrigsten Werte heranzieht, verändert das die Wirtschaftlichkeitsrechnung enorm.“ Bei kalkulatorischen Energiepreisaufschlägen von derzeit 1,5 Rappen/kWh bei Holz und 4,5 bei Erdöl fällt die Entscheidung leicht zugunsten einer Hackschnitzelheizung aus, trotz höherer Investitionskosten. Angewendet wird diese so genannte „erweiterte Wirtschaftlichkeitsrechnung“ derzeit vom Schweizer Amt für Bauten und Logistik und auch in einigen Kantonen für öffentliche Bauten.

Österreichische Ressourcen
Als Fundament für ein österreichisches Modell steht bereits eine gemeinsam von Joanneum Research, Umweltbundesamt und österreichischem Ökologie-Institut entwickelte Emissionsdatenbank zur Verfügung. „Mit dieser können für Systeme, die Biomasse, Öl, Gas oder Kohle verbrennen, externe Effekte wie Treibhauswirkung, Versauerung und Überdüngung errechnet werden“, erklärt DI Dr. Gerfried Jungmeier von Joanneum Research. Auch eine EU-Studie zur Feststellung externer Kosten der Energienutzung gibt es schon – allerdings betrachtet sie nur ausgewählte Einzelfälle.
Um den Brückenschlag zwischen Naturwissenschaft und Ökonomie kümmern sich Experten für Volkswirtschaft, so zum Beispiel Dr. Michael Getzner von der Uni Klagenfurt. Auch er betont die Grenzen der Berechenbarkeit: „Heilungskosten bei Gesundheitsschäden sind leicht festzusetzen, aber die ökonomische Bewertung von Menschenleben ist ethisch problematisch.“ Getzner schlägt vor, auch Schäden, die erst folgende Generationen treffen werden, in heutige Investitionsentscheidungen einzubeziehen.
Trotz der Komplexität der Aufgabe halten die Experten die Schaffung eines österreichischen Berechnungsschemas für externe Kosten der Strom- und Wärmebereitstellung in relativ kurzer Zeit für realistisch. Das ist nämlich das Ziel des Landesenergiebeauftragten Jilek: „Im Rahmen der nächstjährigen Landesausstellung zum Thema Energie soll das österreichische Modell bereits präsentiert werden.“
Ujs
 


JUNI AUSGABE ÖKOLAND STEIERMARK