05 / 2000
  Kunsthaus: Nippel mit belebender Wirkung

Die Überraschung ist angekommen, das Paket geöffnet und sogleich stellt sich die Frage: Ist die Verpackung die Essenz des Geschenks/Projekts?

Das Rennen um das Grazer Kunsthaus wurde vom britischen Team Cook/Fournier mit einem auf den ersten Blick etwas seltsamen Objekt gewonnen. Seine amorphe, hochglänzend blaue Hülle, die wie ein Wasserbett mit Nippeln auf einem transparenten Sockel liegt, machte Fachleute wie Laien ebenso ratlos wie neugierig. In der Folge wurde und wird man immer wieder von Kunstinteressierten gefragt, ob das denn gute Architektur sei. Meine Antwort beginnt stets mit einer Modifizierung der Frage: ob es gute Architektur wird?

DI Karin Tschavgova zum Kunsthaus:
Die Frage ist nicht, ob es gute Architektur ist,
sondern ob es gute Architektur wird

Zu fordern: Durchblick vom Hängebauch bis zur Nippeldecke
Unbestritten ist seine städtebauliche Präsenz bei gleichzeitiger Einfügung in die urbane Nachbarschaft – weder überragt es seine Umgebung noch kragt es, wie viele der anderen Projekte, über dem Straßenraum aus. Die Potenz des Projekts liegt in seiner Signifikanz. Genauer gesagt in der Signifikanz seiner Hülle. Noch präziser in der des blauen „Wabbelpuddings“ über dem gläsernen Eingangsgeschoss (die Engländer sind ja berüchtigt für ihren „Jelly“ in allen künstlichen colours und flavours). Gelingt es den Architekten, den glatten, feucht glänzend wirkenden Eindruck der Haut in den großen Maßstab zu übersetzen, so ist schon viel gewonnen. Nach außen hin zumindest. Das Wie gibt vermutlich auch den Architekten noch Rätsel auf. Einmal ist von Teflon, einem Folienmaterial die Rede, dann wieder von einem Laminat (verleimte Schichten), immer von partiell durchscheinender Haut. Man darf gespannt sein. Für das Innere des doch sehr hermetisch erscheinenden Gebildes erhoffe ich mir noch eine wesentlich deutlichere Selbstbezogenheit. Im vorliegenden Wettbewerbsentwurf sind die Ausstellungsflächen ganz konventionell übereinandergestapelte Ebenen, die den Bezug zur amorphen Hülle bestenfalls an den Rändern herstellen. Ein großzügiger Luftraum, der Durchblick vom Hängebauch bis zur Nippeldecke gibt, wäre angebracht. Dieses Mehr scheint jedoch unrealistisch, denkt man an hierorts übliche Usancen der baulichen Umsetzung – an kleinkrämerische Abstriche aus ökonomischen Gründen, an baurechtliche und bürokratische Hürden, an die Grabenkämpfe verschiedener Interessensgruppen.

„Im vorliegenden Wettbewerbsentwurf sind die Ausstellungsflächen ganz konventionell übereinandergestapelte Ebenen, die den Bezug zur amorphen Hülle bestenfalls an den Rändern herstellen.“

Revival der 60er-Formensprache
Na, dann: Good luck, Mister Cook! Für das Husarenstück, eine gebaute Neu-, besser Erstauflage Ihrer futuristischen Objekte der sechziger Jahre zu versuchen, die damals unrealisierbare Vision eines neuen Lebensgefühls blieben. (Nicht zuletzt, weil die Berechnung/Umsetzung derart komplexer Flächen ohne Computer kaum möglich war).
Ob dieses Wettbewerbsergebnis geeignet ist, Trendsetter zu sein? Dazu ist es, denke ich, zu eigen, zu stark skulptural formuliert. Obwohl ein Revival der 60er- Formensprache mit ihren abgerundeten Ecken und Eiformen durchaus zu bemerken ist – auch bei den mehr als hundert anderen Beiträgen zum Kunsthaus. Durchgefallen sind all jene weniger schrillen Projekte, die mehr oder weniger brav das Raumprogramm erfüllt haben, auch wenn sie formal und konstruktiv interessante Ideen brachten. Dann alle simplen Kisten und alle überbordenden, zu kleinteiligen Entwürfe. Die Entscheidung ist sicher damit zu erklären, dass die Jury im Sinne des Auslobers ein unverwechselbares Haus mit Zeichenfunktion haben wollte.

„Gelingt es den Architekten, den glatten, feucht glänzend wirkenden Eindruck der Haut in den großen Maßstab zu übersetzen, so ist schon viel gewonnen.“

Das Besondere ist die Verpackung
Aber: Ist die Moderne wirklich tot? Dekonstruktivismus als in die Jahre gekommene Zeiterscheinung out? Sind konzeptiv aufgesetzte Ansätze wie: Das Haus als Landschaft, als zerbrochener Globus ect., als kaum zu bewältigende Gratwanderung zwischen Form- und Funktionsanspruch unbrauchbar? Und ist sogar die Zeit für die neue Einfachheit - Pendelschlag gegen alle Formen vorangegangener Expressivität – abgelaufen? Mitnichten - glaubt man dem Grazer Schiedsspruch. Auch der Entwurf von Peter Cook ist im Wesentlichen eine Schachtel, auf einem Sockel, mit Zierrat in Form einer gläsernen Nadel außen dran. Das Besondere ist die Verpackung.
DI arch. Karin Tschavgova, Architekturvermittlerin und -publizistin,
lebt in Graz
 


KUNST / KULTUR / 2003